Unter der Bezeichnung
Macumba versteht man heute neureligiöse Bewegungen, deren
Ursprünge vor allem in Rio de Janeiro und etwas später auch in Sao Paulo zu
finden sind. Der Kult speiste sich vor allem aus Praktiken und Vorstellungen,
die ihren Ursprung bei den Gebräuchen von afrikanischen Stämmen aus der
Bantu-Sprachfamilie hatten, die in erster Linie in Angola, dem Kongo und
Mozambique an der Ostküste zu Hause waren. Der Macumba-Kult war das Ergebnis
einer vorausgehenden intraafrikanischen Religionsvermischung, die sich aus den
großen Bevölkerungsverschiebungen im Brasilien des 18. und 19 Jhd. ergab. Nach
der Abolition des Sklavenhandels kommt es zum Einzug zahlreicher ehemaliger
Sklaven vor allem aus Minas Gerais in die nahen Städte Sao Paulo und Rio de
Janeiro (Wulfhorst, 1985: 53). Hier kam es zum Einfließen religiöser
Ausdrucksformen der
Yoruba (in Brasilien Nago genannt), etwa des Orixa-Pantheons,
in die Tradition der Bantus.
In den Städten kommt es auch zur Begegnung mit dem kardecistischen Spiritismus,
möglicherweise, wie Wulfhorst (ebd.) anmerkt, auf Grund der Affinität der
ahnenkultischen Vorstellungen der Afrikaner zur spiritistischen
Konzeptionalisierung der Beziehungen zur Geisterwelt der Verstorbenen. Wie auch
im
Candomble fließt der Volkskatholizismus in den Kult ein, deren Heilige in
Analogie zu den
Orixas betrachtet werden, wenngleich katholische Heilige nicht
inkorporieren.
Offensichtlich geht der Macumba Kult anfang der vierziger Jahre fließend in den
Umbanda Kult über, der erstmals 1939 als offizielle Vereinigung auf den Plan
tritt. Wulfhorst stellt fest, daß es " (...) religionshistorisch nachgewiesen
ist, daß Umbanda als Fortsetzung und Weiterführung afrobrasilianischer Kulte in
Rio de Janeiro entstanden ist. Sie waren generell unter dem Namen Macumba
bekannt, aber wurden wissenschaftlich nicht eingehend untersucht. "Macumba" wird
noch heute irreführender Weise als Synonym für "Schwarze Magie" gebraucht"
(1985:). Ebenfalls im Sinne von Kulten, die sich schwarzer Magie verschrieben
haben, wird von
Quimbanda gesprochen. Figge weist auf die faktische Inexistenz
dieses Kultes hin. Er sei ein Konstrukt bzw. eine Zuschreibung an bestimmte
Kultgruppen, die als spiritueller Gegenspieler eine Funktion in der Umbanda
ausfüllen. Allenfalls stelle Quimbanda eine Kultvariante innerhalb der Umbanda
Gruppen dar, die durch die Verschiedenartigkeit der angerufenen Geister
charakterisiert sei (Figge, 1973: 127).
Die Kultstätte der Umbanda wird terreiro, was soviel wie Hinterhof bedeutet,
genannt, wohl weil sie ursprünglich (und häufig auch noch heute) mit der Wohnung
des Kultchefs verknüpft war. Nicht selten finden bestimmte Umbanda Rituale auch
im Freien statt, gar auf Wegkreuzungen und Friedhöfen (ohne das dieses notwendig
etwas mit schwarzer Magie zu tun hätte). Zentraler Punkt der Umbanda Kultstätte
ist ein stufenförmiger Altar, der fast vollständig mit Statuetten von kath.
Heiligen, Preto velhos, Caboclos, Orixas etc. vollgestellt ist. Weiterhin finden
sich Blumen, Kerzen, Glöckchen, Heilkräuter, Kreiden, Bilder von Kultchefs,
Pfeifen und Zigarren etc.. Im allgemeinen ist der Altar dem Orixa Oxala geweiht.
Oftmals gibt es Nebenaltäre für andere Orixas (Figge, 1973: 67). Die Altäre sind
vorne fast immer mit weißen Spitzentüchern verhängt, die die als besonders
heilig geltenden Fetische der einzelnen Gottheiten und Geister verbergen. Diese
Fetische können ebenfalls Statuetten, aber auch Steine, Muscheln oder Tonkelche
sein.
Die rituellen Zeremonien der Umbanda-Gruppen werden Sessao oder auch Gira
(Runde) genannt. Es gibt verschiedene Typen von Sessaos, etwa die Sessao da
Caridade, in der es jedem Anwesenden möglich ist, sich mit einem persönlichen
Anliegen an die verkörperten Geister zuwenden, bzw. sich behandeln zu lassen.
Weiterhin werden Festsessionen zu Ehren bestimmter Gottheiten oder Geister
abgehalten. Auch besondere Sessionen zur Schulung von Medien gehören zum
Repertoire eines Terreiros. Den Ablauf einer Umbanda-Session beschreibt im
Detail etwa Figge (1973:71ff.). Im Verlauf des Rituals kommt es zur Verkörperung
spezifischer Geistwesen. Dies sind z. B die Caboclos, die in der Regel als die
Geister verstorbener Indianer betrachtet werden. Weiterhin ist die Inkorporation
von Preto velhos - alten Schwarzen - und Criancas, Kindergeistern,
charakteristisch. Als Gottheiten gelten die yorubanischen Orixas. Diese werden
in Kultstätten die eine stärkere Affinität zum Candomble aufweisen, als
Naturgottheiten, kosmische Irradiationen o. dgl. betrachtet. In den der Macumba
verpflichteten Traditionen gelten sie laut Figge (1973:37) eher als Totengeister
einer hohen Vervollkommnungsstufe oder auch als Geisterführer. Ich vermute, daß
in dieser Sichtweise der Orixas auch ein spiritistischer Einfluß seinen
Niederschlag findet.
Die Geister werden gerufen, indem spezifische Lieder gesungen werden, die von
Trommeln und/oder Händeklatschen begleitet werden. Eine Inkorporation kündigt
sich durch konvulsive Zuckungen der Medien an. Ist der Geist eingefahren, gibt
er sich durch spezifische Grußgesten, Grußrufe und Körperhaltungen zu erkennen.
Der Geist erhält dann seine typischen Insignien, Caboclos z. B. werden mit einer
Zigarre, vielleicht einem Federschmuck, einer Indianerwaffe etc. ausgestattet.
Die gerufenen Wesenheiten werden von speziell dazu ausgebildeten Medien
verkörpert, die im Vorfeld auf die Verkörperung einer bestimmten
Geisterkategorie hin ausgebildet wurden. Typisch für inkorporierte Geister ist
das Geben von Passes. Unter Passes werden verschiedene Praktiken verstanden, die
dazu benutzt werden, um negative Fluiden aus dem Körper der Gläubigen zu
entfernen. Dazu verwenden die Medien/Geister mit den Händen ausgeführte
symmetrische Striche an verschiedenen Körperteilen entlang, um so die Fluiden
aufzunehmen und anschließend zu entladen (ebd.: 113).
Mit der Typisierung Candomble wird vornehmlich afrobrasilianische Religiösität
bezeichnet, die einen direkten Bezug bzw. eine starke Affinität zu traditionalen
Kultformen der Yoruba- Religion zum Ausdruck bringt, und nur in geringem Ausmaß
von fremdkulturellen Vorstellungen durchdrungen wurde. Auch beim Candomble wird
von einem Synkretismus gesprochen, da bspw. eine Identifikation christl. kath.
Heiliger mit den Orixas stattfindet. In wie weit hier ursprünglich ein "echter"
Synkretismus vorliegt, ist umstritten. Diente die Übernahme der Heiligen oder
des katholischen Festkalenders in erster Linie pragmatischen Erwägungen und der
Tarnung der häufig willkürlich von der Polizei verfolgten Kulte, oder ist die
Vermischung Ausdruck religiöser Verehrung der christlichen Elemente? Pollak-Eltz
(1995: 151) stellt fest, daß die grundlegenden afrikanischen Praktiken und
Vorstellungen im Candomble nicht durch die christlichen Elemente berührt werden.
Wenn die Adepten von den santos (Heiligen) sprechen, wisse jeder, daß im Grunde
von den Orixas die Rede sei. Figge spricht deshalb im Hinblick auf die Umbanda
anstatt von einer Identifikation mit christlichen Elementen vorsichtiger von
einer Liierung (Figge 1973: 37) .
Der älteste heute noch bestehende Candomble-Tempel wurde bereits 1830 gegründet.
Die traditionellen terreiros werden vornehmlich von weiblichen Priesterinnen
(Mae de santo) geleitet. Im Zentrum eines Terreiros befindet sich der
Zentralpfosten, ein Symbol der Vereinigung von Himmel und Erde, um den sich die
Tänzer stets im umgekehrten Uhrzeigersinn herum bewegen. Es herrscht der Glaube,
daß die Orixas an diesem Pfosten heruntersteigen, bevor sie in die Medien
fahren. Weiterhin finden sich an den Wänden oder auch in Nischen des heiligen
Raumes Altäre, die mit heiligen Symbolen des Kultes versehen sind.
Copyright 1999 Silvio Rohde
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