Besessenheitskulte sind kein Phänomen, welches auf fremde Kulturen beschränkt
wäre. Auch in der europäischen Kulturgeschichte kam (und kommt) es immer wieder
zu Fällen von
Geistbesessenheit. Im neuzeitlichen Europa wurde diese
Ausdrucksform religiösen Erlebens vor allem im
Spiritismus rituell und doktrinär
formalisiert. Dieser Spiritismus entwickelte sich zur Zeit der Aufklärung als
eine "Bewegung außerhalb von Theologie und Kirche und verstand sich als
Gegensatz sowohl zum säkularisierten materialistischen Denken als auch zu einem
dogmatisierten und institutionalisierten christlichen Glauben"
(Wulfhorst,1985:21).
Die Ausbildung des europäischen Spiritismus ist mit dem schwedischen Visionär
Emanuel Swedenborg (1688-1772) verbunden, wenngleich er selbst nicht als Gründer
einer Bewegung in Erscheinung tritt. Der universalgelehrte Sohn eines
lutheranischen Bischofs entwickelte im Alter von 56 Jahren nach einer schweren
Krise spontan die Fähigkeit zu einer unmittelbaren Schau der Geistwelt. In der
Folge beschrieb Swedenborg detailiert seine Visionen und die von ihm
wahrgenommene Natur der himmlischen Sphären. Er entwickelte eine Lehre der
Entsprechungen zwischen Geist- und Naturwelt (Goodman:1991:61). Neben Engeln und
Geistern traf Swedenborg in der Geistwelt auch auf "viele Personen meiner
Bekanntschaft aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten" (ebd.), gleichsam
Totengeister also. Im Gegensatz zum späteren Spiritismus deutete Swedenborg
seine Erfahrungen vielfach im Sinne einer orthodoxen protestantischen Theologie.
Wahrscheinlich geht die Urform der späteren spiritistischen Seance auf den
österreichischen Arzt
Franz Anton Mesmer (1733-1815) zurück, der im Rahmen
seiner als
Mesmerismus bekannten – damals ungeheuer populären - Fluidallehre mit
ähnlichen Methoden experimentierte (ebd.:63). Für den damals noch jugendlichen
Andrew Jackson Davis aus dem amerikanischen Bundesstaat New York, hatte die
Begegnung mit einem den Mesmerismus auf Jahrmärkten praktizierenden Quacksalber
weitreichende Folgen. Durch einen mittels Hypnose induzierten Trancezustand war
er daraufhin angeblich zu einer Vielzahl magisch-psychischer Fähigkeiten in der
Lage, wie dem Sehen in andere Körper oder dem Lesen von Briefen mit verbundenen
Augen etc., aber auch zu Seelenreisen wie sie vielfach von Schamanen berichtet
werden. Aus der Trance heraus diktierte Davis 1847 ein Buch, welches sehr
populär werden sollte. Einer der wesentlichen Auslöser der Massenwirkung des
Spiritismus waren dann wohl sensationelle Zeitungsberichte, die kurz nach der
Veröffentlichung von Davis Buch über die Fox-Schwestern und den Klopfgeist von
Hydesvilleerschienen. Die Nachrichten von tanzenden Tischen und dergleichen
erreichen noch im selben Jahr Frankreich und dann Deutschland, die Schweiz und
England. Überall entstanden spiritistische Zirkel.

Der
brasilianische Spiritismus erhielt seine besondere Prägung durch die Lehren
des unter seinem Pseudonym
Allan Kardec bekannten französischen Lehrers und
Literaten Leon H. D. Rivail (1804 – 1869). Kardec besuchte als katholischer
Schüler die Schule Pestalozzis im evangelischen Yverdon (Schweiz). Im Jahre 1854
kam er, wie vor ihm auch Davis, in Kontakt mit dem Mesmerismus. Daraufhin
widmete er sich ausschließlich der empirischen Erforschung spiritistischer
Erscheinungen, überprüfte kritisch die Ergebnisse und veröffentlichte 1857 "Le
Livre des Esprits", eine systematische Darlegung der "Lehre der Geister". Auf
über 1000 Fragen der Medien antworten die Geister mit Einsichten über die
Beschaffenheit der Geistwelt, ihre Beziehungen zur irdischen Welt etc. . Vor
allem in seinem 1864 erschienen Buch "L´Evangile selon le Spiritsme" bringt
Kardec spiritistische Interpretationen des Neuen Testaments. Zusammen mit
Kardecs zweiter Veröffentlichung, "Le Livre des Mediums" bilden diese Bücher für
die brasilianischen Spiritisten den Kanon des Spiritismus als dritte Offenbarung
nach Moses und Jesus Christus (Wulfhorst: 25). Soziologische Analysen u. a. von
Bastide haben ergeben, daß der Kardecismus in Brasilien zunächst vor allem in
Kreisen von Intellektuellen und hohen Militärs praktiziert wurde, bevor er zur
Religion der brasilianischen Mittelschicht avancierte. Der erste offizielle
brasilianische Spiritistenzirkel kardecistischer Prägung hielt 1865 in Salvador
seine erste Sitzung ab (ebd.:27). Es gab jedoch schon vor dem Einströmen der
Ideen Kardecs geistige Strömungen ähnlicher Couleur innerhalb der Volksreligion
Brasiliens. So spricht ein von zwei reisenden deutschen Biologen verfasster
Bericht aus dem Jahre 1818, von einer vollzogenen Heilung an einem Schwarzen
mittels der Methode der magnetischen Passes, die von F.A.Mesmer gelehrt wurde.
Um 1873 entstand in Rio de Janeiro ein Zirkel, dessen Seancen auf die
Heilung von Kranken und Leidenden durch das Geben von Passes fokussiert
waren. Der brasilianische
Kardecismus
zeigt schon hier seine starke moralische und evolutionistische
Grundbeschaffenheit. Zugrunde liegen sowohl ein Einfluß religiöser Konzepte,
die der indischen Wiedergeburtslehre entspringen, als auch eine spezifische
Auslegung der Bibel, insbesondere des Dekalogs und der Bergpredigt. Der
brasilianische Spiritismus versteht sich zu weiten Teilen als christlicher
Spiritismus (espiritismo cristao). Er ist in einer Dachorganisation, der
"Federacao Espirita Brasileira (FEB)" zusammengeschlossen (Wulfhorst: 27),
die die Lehre Kardecs als kanonische Kodifikation des brasilianischen
Spiritismus vorschreibt. Der Wahlspruch dieser Organisation lautet "Gott,
Christus und Karitas". Ausdruck dieser Betonung der christlichen
Nächstenliebe findet sich etwa in den zahlreichen karitatven Institutionen
der Spiritisten, auf die sicher auch ein hohes Maß der Popularität des
Kardecismus in Brasilien zurückgeht.
Text:
copyright 1999 Silvio Rohde | Bild "Grabstein von Anton Mesmer": von
stefan-xp unter GNU - FDL Lizenz auf wikipedia.
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