Synkretistische Neureligionen in Brasilien: Ursprünge, Typen und eine Skizze der Forschungsgeschichte zum Phänomen der Geistbesessenheit
Schon Platon unternahm eine Systematisierung verschiedener Formen der Trance. Im
Phaedrus spricht er von mania, einem Wort, welches vielfach als Wahnsinn oder
Raserei übersetzt wird, von Platon aber in einem Kontext gebraucht wird, der auf
Trancephänomene verweist. Platon unterscheidet zwei Formen von mania. Eine die
aus menschlichen Krankheiten hervorgeht, und eine, deren Ursache ein göttlicher
Zustand (theias exallages) ist. Von dieser göttlichen mania gäbe es vier
Varianten, die jeweils von einer bestimmten Gottheit inspiriert seien: mantische
(Apollo), die zur Divination führt, poetische (Die Musen), erotische (Eros und
Aphrodite) und telestische (telestike) Trance (Dionysus). Die mit dem Gott der
Rauschdrogen verbundene Trance wird als telestisch beschrieben, was bedeutet,
sie beinhalte teletai (Riten), gleichsam rituelle Trance. Nirgends in Platos
Schriften findet sich ein genauer Hinweis, was er unter diesen teletai versteht,
aber er läßt uns zumindest Wissen, dass sie, was auch sonst, mit Opfern, Tanz
und Musik zu tun haben (Rouget 1985:189). Gilbert Rouget versucht zu begründen,
dass die telestische Trance eine Bezeichnung für spiritpossession ist
(ebd.:196).
Trance und Besessenheit durch ein Geistwesen, was auch immer sich ontologisch
dahinter verbergen mag, sind verschiedene Erscheinungen, die nicht notwendig
korreliert sind. Zwar tauchen sie beide häufig, jedoch längst nicht immer,
zusammen auf. Aber Trance erscheint uns als ein Typ veränderter
Wirklichkeitswahrnehmung, während Besessenheit in erster Linie das erlebende
Subjekt in seinem Identitätserleben und Handeln, sein in Beziehungtreten zur
Umwelt verändert, ohne daß notwendig das Erleben der Grundbeschaffenheit der
Welt tangiert sein muß.
Taucht die Trance in einem religiösen Zusammenhang auf, scheint sie sich vor
allem in der Matrix des Schamanismus und des Spiritpossession-Kults zu
repräsentieren. Im Schamanismus benutzt der Schamane verschiedene Techniken, um
sich in einen Zustand veränderten Bewußtseins zu begeben, in dem er dann auch in
der Lage ist, bewußt zu agieren. Die Techniken des Schamanen können die Einnahme
entheogener Pflanzen, rhythmische Stimulation (z.B. mittels Trommel oder
Rassel), Tanz etc. beinhalten. Faktisch treffen wir meist auf Kombinationen
mehrerer dieser Techniken der Tranceinduktion. Konstitutiv für den Schamanismus
ist weiterhin, dass die Trance einerseits dazu führt, daß der Schamane befähigt
wird, eine Durchdringung der physischen Welt mit der Geisterwelt zu erkennen
bzw. wahrzunehmen, und daß er zweitens in der Lage ist, die Welt der Geister zu
besuchen und in ihr Handlungen auszuführen. Nichtsdergleichen begegnet uns in
der Besessenheitstrance. Diese Trance wird ebenfalls vielfach durch Musik und
Tanz, aber auch durch andere rituelle Handlungen ausgelöst. Im Gegensatz zur
schamanischen Trance ist aber jenes sich im Zustand der Besessenheit befindliche
Individuum im allgemeinen nicht mehr zu einer bewußten Interaktion mit seiner
Umwelt in der Lage. Vielmehr tritt das Individuum ganz oder partiell hinter eine
spirituelle Entität (oder Identität) zurück, die nun die Kontrolle des
physischen Körpers übernimmt, über dessen Vermittlung das Numinose in die
materielle Welt einkehrt. Spiritpossession Trance erlaubt also den Eintritt von
Geistwesen in die sinnlich wahrnehmbare Welt, während die schamanische Trance
genau das Gegenteil bezweckt, den Austritt aus der Sinnenwelt bzw. die
Geistwerdung des Schamanen. Es ist zwar vielfach von Schamanen berichtet worden,
die spezifische Hilfsgeister anrufen, sich innerhalb ihres Körpers zu
manifestieren, zu keinem Zeitpunkt gibt der Schamane jedoch die Kontrolle über
sich, und ich vermute auch seine Hilfsgeister, auf. Es ist jedoch klar, daß in
der religiösen Lebenswirklichkeit alle möglichen Misch- und Übergangsformen
zwischen Possession und Schamanismus auftreten können. Es ist auch noch
anzumerken, daß es meines Wissens keine eindeutigen Untersuchungen gibt, die
beweisen würden, daß es sich bei der schamanischen Trance und bei der Possession
Trance um die gleichen Bewußtseinszustände handelt, die jediglich kulturell eine
andere Ausformung bzw. Konfiguration erhalten, oder ob nicht bereits, was ich
vermute, neurophysiologische Unterschiede zwischen den beiden Zuständen zu
registrieren sind. Im folgenden möchte ich mich jedoch auf die
Besessenheitstrance konzentrieren, da sie in den afrobrasilianischen Religionen
so zentral erscheint. Es muß auch die Frage gestellt werden, inwieweit
Besessenheit überhaupt notwendig mit einer Trance verbunden ist bzw. sein muß,
ob nicht vielmehr den entscheidenden Einfluß die psychologische Identifikation
mit einer bestimmten Geistrolle darstellt, bei der es gleich ist, ob sie über
Trance oder andere Techniken erreicht wird. Weiterhin erscheint mir die Frage
relevant, ob und inwieweit Besessenheitspänomene, die außerhalb eines rituellen
Kontexts in Erscheinung treten, mit den hier thematisierten analog zu denken
sind. Diese Fragen können im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht umfassend
vertieft werden. Zunächst ein forschungsgeschichtlicher Abriß dessen, was die
Wissenschaft bisher zum Thema beigetragen hat.
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