Soma
ist der Nama einer der heiligsten Pflanzen des Altertums. Das Getränk,
welches aus dieser vergöttlichten Pflanze hergestellt wurde, war nicht nur
ein Panacea, sondern ihm wurde auch zugeschrieben, seinen Nutzern
paranormale Fähigkeiten zu verleihen sowie eine unmittelbare Erfahrung der
Unsterblichlkeit. Soma hat deutliche Bezüge zum alchemistischen Elixier bzw.
„Wasser des Lebens“, welches später in verschiedenen mystischen Traditionen
des Westens auftauchen sollte.
Das Wissen um den Soma-Trank und die
frühesten Rituale, die seinen Gebrauch umgaben, wurden geheimgehalten, und mit
der Ausnahme eines einzigen Textes, dem Madhu Brahmana, wurde
dieses Wissen niemals niedergeschrieben. Aber auch von diesem Text wissen
wir nur durch Referenzen in anderen Schriften, das Manuskript selbst
existiert nicht mehr. Wahrscheinlich wurde das Wissen um Soma in
selektierten Gruppen von Priestern oral tradiert. Das Geheimnis von Soma und
seiner Zubereitung wurde genauso wie die geheime Essenz des Vedas
selbst, die madhu-vidya, die „Honig-Doktrin“ genannt, zu
welcher die ältesten Referenzen in verschleierten, kryptischen religiösen
Rätseln, in den Hymnen des Rg-Veda, des ältesten schriftlichen Dokumentes
der Indo-Europäer enthalten sind. Der Rg-Veda wurde vermutlich zwischen 1800
und 900 v. Chr. niedergeschrieben, wenngleich die Hymnen selbst natürlich
viel älter sind, als ihre Niederschrift.
Etwa um 1500 v. Chr. migrierten die
indoarischen Stämme in das Indus-Tal in Nordwestindien. Ihre Religion bildet
zusammen mit den lokal-indigenen dravidisch-stammeskulturellen
Elementen den traditionellen Grundstock der heute als Hinduismus
bekannten religiösen Vorstellungswelt. Es sind die frühesten Schriften
dieser Kultur, die Veden, die auch heute vom Hinduismus als älteste
offenbarte Wahrheit betrachtet werden.
Dieses älteste schriftliche religiöse Dokument der um 2000 v. Chr. nach
Nordindien einwandernden arischen Stämme, besteht aus vier verschiedenen
Büchern, von denen in dem von mir erörterten Zusammenhang vor allem der
Rigveda relevant ist. Der Rigveda ist religionsgeschichtlich der älteste
Teil der Veden, er wurde vermutlich um 800 v. Chr. zum erstenmal schriftlich
fixiert, nachdem er bereits lange Zeit mündlich tradiert wurde. Es besteht
aus 1028 an die numinosen Mächte gerichteten Hymnen. Der Rigveda ist
durchzogen von der Verehrung eines mystischen Trankes, der Soma genannt
wird. 120 der Hymnen sind an das heilige Soma gerichtet, das sowohl als
Gott, als heilige Pflanze und als sakramentaler Trank besungen wird.
Besonders das neunte Buch (Mandala) des Rigveda enthält Anrufungen
und rituelle Lieder an das Geistwesen Soma. Aber auch an zahlreichen anderen
Stellen der Schrift finden sich Anspielungen auf das göttliche Soma. Die
renomierte Indologin Wendy Doniger O´Flaherty geht soweit, Soma als den
Brennpunkt der alten vedischen Religion zu bezeichnen (Devereux, 1997:73).
Die vedischen
Schriften werden in drei Typen unterteilt: die Samhitas, Brahmanas
(Ritualistik) und Upanishads (Mystische und philosophische Texte).
Der Rg-Veda, ältester Teil der Veden, gehört zur Gruppe der Samhita-Texte:
preisende Hymnen an verschiedene Gottheiten. Als mythische Verfasser dieser
Texte gelten die Rishis, heroische Seher und Dichter, die ihre
Inspiration maßgeblich der Verwendung eines mystische Ekstase induzierenden
entheogenen Trankes genannt Soma (von der Wurzel su – zeugen)
verdankten. Nachdem Genuß von Soma fühlten sich die Rishi in die
Götterhimmel gehoben, und sangen anschließend von ihren visionären
Erfahrungen. Sie sahen etwa, dass die Götter selbst insbesondere der Kriegs-
und Gewittergott Indra, Soma tranken. In Mandala 8, 48, 3 und 9.87.9
verursacht das Trinken von Soma bei den Priestern Visionen der Götter,
ja durch Soma selbst wurden die Götter erst entdeckt. Die Hymnen zeigen,
dass die wichtigste Wirkung des Somas darin bestand, einen
Bewußtseinszustand göttlicher Ekstase herbeizuführen. Durch diesen VWB
wurden paranormale Erfahrungen vermittelt. Aufgrund dieser Induktion
eines ekstatischen Bewußtseinszustandes, der sich besonders durch
paranormale Wahrnehmungen und Erfahrungen visionärer Lichtphänomene
auszeichnete, ist es naheliegend, dass es sich bei Soma um ein Halluzinogen
(ein pejorativer Begriff, der die Konnotation mentaler Illusionen mit sich
führt) handelte, welches etwas in seinen Nutzern hervorbrachte, was man
heute eine entheogene Erfahrung nennt. Das Wort Entheogen stammt von dem
griechischen Word enthous oder enthousiasmos, was soviel meint
wie „das Göttliche im Inneren“ gewahr werden.
Ich möchte im folgenden etwas näher
untersuchen, welche Auskunft uns der Rg-Veda über die Wirkungen des Soma
mitteilt. Die Soma-Pflanze und die Erfahrungen, die sie vermittelt,
sind eng assoziert mit Licht und Übertragung durch Licht in jenseitige
Wirklichkeiten. Von den Rbhus, einer Gruppe antiker Somaopferer,
wurde gesagt, sie seien in Lichtstrahlen eingedrungen, und wurden dann in
leuchtende feinstoffliche Körper transfiguriert (4.33; 1. 110.4). Durch das
Trinken Somas leuchteten sie im goldenen Glanz der Sonne und erlangten
Unsterblichkeit. Der Konsum des Soma Trankes half den Priestern durch das
Medium Licht in Kontakt zu kommen mit der Gottheit Soma, die als eine Art
strahlende innere Ekstase erfahren wurde. Die Erfahrung der Heimstatt Somas
durch die Priester (somapas), die ein Reich aus reinem Licht jenseits
des materiellen Universums war, wurde so manchmal zugänglich. Im Rg-Veda
wird die Somapflanze als leuchtend und ihr Saft als glänzend beschrieben und
Indra, die Hauptgottheit der Somazeremonie, wird der glühende Gott genannt.
Wegen dieser leuchtenden Eigenschaften, wurde Soma offensichtlich direkt mit
Brillianz, Glanz und den Ursprüngen des Lichts im Universum korreliert.
Ähnliche Vorstellungen gab es übrigens bei den gnostischen Manichäern,
deren Lehren ebenfalls auf indo-iranische Quellen zurückgehen. Sie glaubten,
daß bestimmte Pflanzen und Bäume besonders reich an Lichtpartikeln seien,
die zum Zeitpunkt der Schöpfung in der Materie gefangen wurden.
In den Hymnen des Rg- Veda wird Soma mit allen möglichen Lichtphänomenen assoziiert, sei es im physischen Universum mit dem Licht der Sterne, der Sonne oder des Mondes, Blitz, Feuer Glut oder dem inneren Licht (Glanz) von Menschen im Moment der mystischen Erfahrung. Es heißt, Soma sei der Ursprung aller Lichtphänomene sowohl im Makro- als auch im Mikrokosmos (RV 9.113.7) Die im Rg-Veda mit Soma verbundenen Farben sind die selben, die in durch Meditation ausgelösten mystischen Zuständen in den frühesten Upanischaden genannt werden. In der Somazeremonie werden diese Farben mit dem Herz assoziiert, welches erleuchtet wenn Soma getrunken wird. Den Upanischeden zufolge, werden die in tiefer Meditation geschauten Lichter ebenfalls im Herz wahrgenommen, und sind regenbogenfarbend. In der Sz. werden dieselben Farben in der „herz-Sonne“ gesehen, nachdem Soma eingenommen wurde. Der Soma Tradition zufolge ist des Herz auch der Sitz der Seele. Diese farbigen Strahlen werden während der Soma Ekstase als Fäden genutzt, um die innere Säule des Lichts zu weben (die unsterbliche Seele die sich nach oben ausdehnt). Diese kosmische Säule wird im Sanskrit skambha genannt, und ist ein fundamentaler Bestandteil des alten vedischen Soma-Ritus.
Im Rg-Veda wird die Wirkung von Soma
mit Begriffen wie madana, madyati, made oder mada beschrieben. Man kann dies
übersetzen als Ekstase, verzückte Freude, Inspiration , erhöhte Bewußtheit
oder Erheiterung. Der Rg-Veda sagt, dass Soma, wenn es sich mit dem Herz
vereint, eine ekstatische Vision hervorbringt, eine Ekstase (ex stasis) über
diese Welt hinaus, eine Wahrnehmung von Weite die über Himmel und Erde
hinaussteigt (8.14.7; 9.110.5; 10.119.8; 8.43.3; 10.31.3). In vielen Hymnen
werden solche profunden ekstatischen Zustände besungen (9.113.6.) In anderen
Hymnen wird Soma als Poesie inspirierender Trank umschrieben. Auch von den
Göttern heißt es, sie würden die Ekstase Somas trinken, und die Priester
werden zu Göttern nach der Kommunion mit Soma (1.165.15; 1.185.9; 7.49.4)-
Der Gott Indra gelangt durch Soma in einen ekstatischen Zustand, und die
Hymnen teilen mit, daß es in diesem Zustand war, daß Indra den gesamten
Kosmos erschuf. Auch die Maruts, Hilfsgötter Indras, „trinken in der
Ekstase von Soma“. Im selben Zustand verläßt der Priester, der sich mit
Indra identifiziert, seinen Körper und steigt in das Gewölbe des Himmels
jenseits dieser Welt. (RV. 5.40.4; 10.119; 9.113; 8.48; 8.14.7; 1.85.6;
1.85.7.
Es ist festzuhalten, daß natürlich nicht der entheogene Somatrank allein die
Ekstase auslöste. Andere Teile der Somazeremonie wie Ritual, Kosmologie,
Mythos, rythmyhsche Chants, sind wesentliche Bestandteile, die erst eine
gerichtete Ekstase ermöglichen.
Beides, sowohl die Seeligkeit die durch Soma induziert wurde, als auch Soma
selbst, werden als madhu – nektar – bezeichnet.
Forschungsgeschichtlich wurde
zunächst vermutet, bei Soma handele es sich um ein alkoholisches Getränk.
Auch Cannabis und einige andere Pflanzen, wie etwa Sarcostemma und Ephedra
wurden als Kandidaten für die botanische Identität von Soma vorgeschlagen.
Jedoch bringen all diese Pflanzen kein in dem Maße entheogenes Wirkprofil
hervor, wie es in den alten Hymnen dem Soma zugeschrieben wird, und können
daher nicht ernsthaft als Synonyme für Soma anerkannt werden. Auch indischen
Brahmanen war das Wissen um Soma seit Jahrtausenden abhanden gekommen. Als
landläufige Erklärung hierfür wurde angeführt, daß die Somapflanze durch
Übergebrauch ausgerottet worden war. Es war der Amateurforscher Gordon
Wasson, der 1962 das Thema wiederbelebte. Durch seine Wiederentdeckung des
mazatekischen Pilzkultes in Mexiko inspiriert, stellte er sich die Frage, ob
das Soma der indoeuropäischen Stämme möglicherweise ein entheogener Pilz
gewesen sein könnte. Bei seinem Studium des Rigveda fand Wasson, daß in der
Tat zahlreiche Hinweise in ihm enthalten waren, die für eine Identifizierung
von Soma als hilfreich erachtet werden konnten. Wasson war davon überzeugt,
relativ eindeutige Beweise gefunden zu haben, die darauf hinweisen, daß sich
hinter Soma der Amanita muscaria Pilz, im deutschen Sprachraum als
Fliegenpilz bekannt, verbirgt.
Die Religion der Veden war also
offensichtlich durch eine starke visionär-ekstatische Komponente
gekennzeichnet. Auf dem indischen Subkontinent sollte dies bis auf den
heutigen Tag immer ein entscheidender, zentraler Bestandteil des religiösen
Suche bleiben. Bsp. hierfür sind etwa der Yoga,
Tantrismus
oder die hohe Bedeutung von durch Meditation erlangten veränderten
Bewußtseinszuständen in Hinduismus und Buddhismus.
Natürlich ist festzuhalten, dass die Mittel der Erlangung göttlicher Ekstase
über die Jahrhunderte wechselten. Vor allem Asketentum und
Devotion ersetzten den Gebrauch von Halluzinogenen und dem Polytheismus
der Veden wird die Vision eine unterliegenden (letztlichen) Einheit der
Wirklichkeit entgegengestellt.
Die visionäre Dimension der Religion der Rishis wird komplementiert durch
einen von Priesterkasten ausgeführten Opferkult, der um die Verehrung
des vedischen Gottes Agni gravitiert. Agni repräsentiert Feuer und Hitze.
(Opferfeuer, Herd, primordiales Feuer der Vorschöpfung, Verdauung).
Weiterhin gilt er aber in einem anderen Aspekt auch als Vermittler zwischen
Mensch und Gott, d.h. er überbringt die Opfer der Menschen als/im Feuer zu
den Göttern.
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2001 Silvio A. Rohde
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