Santo Daime

Es ist mitten in der Nacht,
Percussionmusik vermischt sich
mit dem Singen von Zikaden.
Vor mir tanzen weiß gekleidete
Priester in Trance versunken
auf einem kleinen Platz.
In der Mitte steht ein Pfahl,
um den herum sie fremdartige
Zeichen in den Sand malen.

Ich bin in der Stadt Rio Branco
im äußersten Westen Brasiliens
und nehme an einem Reinigungsritual
der christlichen Sekte Santo Daime teil.
Santo Daime vereinigt Elemente aller Kulturen,
die es in Brasilien gibt. Die Religion ist christlich,
die Tänze und Gesänge haben
afrikanischen Ursprung
und das Mittel, mit dem sich die Gemeinde
in Trance versetzt, ist ein uralter Indianertrank,
Ayahuasca, eine stark halluzinogene Droge,
die aus zwei Urwaldpflanzen, gewonnen wird:
Einer Blattpflanze und einer Liane,
die nur zusammen die gewünschte Wirkung erbringen.
Seit 5000 Jahren benutzen die Medizinmänner
der Tiefland-indianer sie, um mit ihrer Hilfe
mit den Seelen verstorbener Heiler
in Kontakt zu treten oder sich in frühere
Leben zurück zu versetzen.

Hier bekommt jedes Gemeinde-mitglied einen
kleinen Becher dieses Gebräus gereicht.
Trotz des wirklich widerlichen Geschmacks
wird es rasch ausgetrunken und bald darauf
setzt tiefe Trance ein.
70jährige Großmütterchen sitzen
völlig stoned auf ihren Hockern,
nicht in der Lage auch nur den kleinen Finger zu heben.
Sie singen und beten inbrünstig, ganz im Einklang mit Gott,
oder, wie sie es nennen, mit dem göttlichen Universum.
Alle tragen weiße Kleidung um nur
positive Energien auf sich zu lenken.

Auch ich habe den Trank zu mir genommen
und bewege mich auf einem schmalen Grad
zwischen dieser und einer anderen Welt.
Ich erlebe Dinge auf's neue, die ich längst vergessen hatte,
schwebe durch Landschaften in wundersamen Farben
und habe das Gefühl mit dem Universum eins zu sein.
Manchmal öffne ich mühsam die Augen,
nehme die unwirkliche Kulisse um mich herum wahr,
nur um gleich darauf wieder durch unbekannte Welten zu gleiten.

Durch die Gebete wird Energie erzeugt,
die es den Priestern ermöglicht ihr eigenes
Bewußtsein auszuschalten.
Jetzt ist die Zeit für den Umbanda
gekommen, einen Kult, der sich
aus Afrika kommend
aus dem Voodoo entwickelt hat.

Götter und verstorbene Heiler ergreifen Besitz
von den Körpern der Priester
und geben so Ratsuchenden Hilfe.

Eine junge Frau spricht zu mir mit uralter Stimme,
ihr Gang ist gebeugt und ihre Augen sind verschleiert.
Sie legt mir die Hand auf den Kopf,
malt mit einer Kerze magische Zeichen in die Luft
und schnippt mit den Fingern um meinen Kopf herum.
Dann sagt sie mir ungefähr das,
was mir meine Psychotherapeutin auch schon gesagt hat
- nach sechs Sitzungen.
Ich erhalte ein Rezept bestehend aus
verschiedenfarbigen Kerzen und Räucherwerk,
daraus wird sie mir ein Schutzzeichen machen,
so eines, wie sie schon zuvor in den Sand
um den Pfahl gezeichnet wurden.

Langsam läßt die Wirkung der Droge nach,
das Ritual ist zu Ende.
Die Priesterin geht wieder aufrecht
und spricht mit mädchenhafter Stimme.
Gemeindemitglieder stehen noch ein
wenig zusammen und unterhalten sich,
alle wirken heiter und gelöst.

Kommt es mir nur so vor,
oder ist nach dem Reinigungsritual
wirklich alles sauber gewaschen?

© 2000 by Louisa Ackermann

 

 

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