Zur Synthese von schamanischer Tradition
und christlicher Mystik
am Beispiel der
spirituellen Arbeit der brasilianischen Santo Daime Kirchen

 

 
 




Inhalt


1. Christentum und Mystik in der Gegenwart

2. Was sind Entheogene?

3. Die spirituelle Arbeit der Santo Daime Kirchen

3.1 Der Gottesdienst
3.2 Die Hymnen (hinos) als spirituelle Lehre des Santo Daime
3.3 Die Wirkung des Santo Daime auf die Teilnehmer/innen

4. Ist die Santo Daime Religion geeignet für den westlichen Menschen?

Literatur

 

 

1. Christentum und Mystik in der Gegenwart


Seit alters her ist es die Sehnsucht des Menschen, das Göttliche nicht erst in einem transzendenten Jenseits, sondern bereits hier auf der Erde unmittelbar zu erfahren.

In den schamanischen oder Naturreligionen galten Tiere, Pflanzen, Berge, Wasser (Quellen, Seen etc.), aber auch die Gestirne als beseelt und als heilig. In diesen Religionen waren und sind die Naturgeister daher ganz selbstverständlich Träger und Teil des Göttlichen - ein Wissen um die Heiligkeit der Natur, das wir im Westen spätestens seit der Aufklärung fast ganz verloren haben - meist ohne eine Ahnung von der Schwere des Verlusts.
Um den Kontakt zum Göttlichen herzustellen, wurden und werden in den Naturreligionen Trancetechniken und meist auch sogenannte Meister-Pflanzen (auch Lehrer-Pflanzen oder Entheogene genannt) eingesetzt. Auch im europäischen Raum (bei den Germanen, Kelten, Griechen) wurden solche Pflanzen in Heilungs- und Einweihungszeremonien verwendet.

Das Christentum erwuchs zum Teil aus und auf diesen naturreligiösen Vorstellungen und Praktiken, wenngleich diese Wurzeln seit jeher eher verschämt versteckt werden. Dennoch hat auch das Christentum - ähnlich wie auch die anderen Offenbarungsreligionen wie Judentum und Islam - einen Weg entwickelt, um das Göttliche direkt zu erfahren den - den Weg der Mystik. Die Methoden, die Menschen in der christlichen Tradition verwenden, um Gott in sich zu erfahren, waren - und sind heute zunehmend wieder - Kontemplation und Meditation, aber auch Fasten, langes und ausdauerndes Singen, gelegentlich auch rituelles Tanzen und ähnliches.

Mystik hat (besonders auch in Deutschland) eine lange und ehrwürdige Tradition. Sie hat die europäische Philosophie und unser heutiges Denken mehr beeinflusst als die meisten heute wissen. Dennoch ist Mystik bei uns im Westen - weitgehend auch in den Kirchen selber - seit der Aufklärung eher in Verruf gekommen: Aus Unkenntnis heraus nimmt man an, das sei etwas verschwommen-esoterisches und daher nur gut für Menschen, die mit der harten Reali-tät nicht zurecht kommen. Kenner der Mystik beharren dem gegenüber darauf, dass echte Mystik heute vielleicht notwendiger ist denn je. Denn die Überbetonung des nach wie vor ungehemmten ökonomisch-technischen Fortschritts führt immer mehr dazu, dass der westli-che, moderne Mensch vergisst, dass er mehr ist als bloße (physische, chemische) Materie; dass er vielmehr ohne eine lebendige Verbindung zu seiner geistigen Dimension seine wahre Natur als menschliches Wesen nicht verwirklichen kann - eine "Natur", die von technischen Geräten allerdings niemals in ihrem Wesen erfasst werden kann. Gesellschaftliche Verhält-nisse, in denen das Wissen um die reale Möglichkeit dieser Verbindung verloren geht, sind daher "heil-los". Der gegenwärtige Zustand unserer natürlichen Umwelt ist ein beredtes Zei-chen für diese Heil-losigkeit.

Es gilt also gerade heute mehr denn je, "Heiligkeit", die "Ganzheit", das "Reich Gottes" in uns wieder zu ent-decken und zu ver-wirklichen - und zwar ganz konkret in unserem Alltag in Arbeit, Familie etc. Dafür geeignete, erprobte und vor allem von breiteren Massen akzeptierte Vorbilder und Modelle sind bis heute eher rar und werden von den christlichen Kirchen kaum angeboten - wohl ein Hauptgrund für die Flucht aus den Kirchen. Um diese Modelle zu entwickeln bedarf es heute großer Anstrengungen und Bemühungen. Insbesondere bedarf es auch des Studiums (und der Übung) bestimmter dafür geeigneter Methoden.

Im Christentum gibt es etwa seit Beginn des 20. Jahrhunderts durchaus die unterschiedlichsten Bemühungen, mystische Erfahrung und Praxis wieder zu beleben. Sie reichen von theologischen Reflexionen über die Praxis der Meditation bis hin zu Erscheinungen wie dem "Zungenreden" in den Pfingstkirchen. Die meisten von ihnen waren und sind zum Teil immer noch in den Kirchen selber recht umstritten - wenngleich diese Bewegungen auch immer wieder in die offiziellen Kirchen zurückwirken. Grundsätzlich sind wohl alle diese Bewegungen erst einmal als ein Beitrag zu sehen, die Spaltung des modernen Menschen zu heilen. Jede von ihnen hat ihren eigenen Wert und ihre eigene Bedeutung. "Wenn man nicht fühlt, dass alle Menschen auf der Welt Teil von einem selbst sind und jede Kultur und Religion zu einem gehört, dann führt das zu Sektierertum. Aber wenn das Denken weit ist, kann man alles Wissen der Welt als Teil des eigenen Wissens betrachten. Dann verschwindet diese Kleingeistigkeit automatisch, der Fanatismus, der Fundamentalismus. Man hat ein offenes Auge für die ganze Welt. (...) Begrenztes Gewahrsein kann nicht göttlich werden. Dann wächst man nicht in der Liebe." Anliegen echter Mystik ist dieses "offene Auge für die ganze Welt". Der sichere Blick dafür, was echte mystische Erfahrung ist und zur Weiterentwicklung der Menschheit beiträgt und was nicht, kann sich letztlich nur in sorgsamer Beobachtung und Erfahrung entwickeln. In diesem Sinn ist wohl auch das oft missverstandene Gleichnis Jesu vom Sämann zu verstehen: Es gilt, mit den Augen der Liebe zu schauen, welche Samen wo aufgehen und Frucht bringen und welche nicht. Und dabei zuerst bei sich selber hinzusehen und dann erst bei anderen.

Das vorliegende Papier hat nicht den Anspruch, das Thema "Christentum und Mystik in der Gegenwart" erschöpfend zu behandeln. Es kann zur Diskussion nur einen kleinen bescheide-nen Beitrag liefern. Um die ganze Bandbreite dessen, worum es geht, zu erfassen, sollen aber wenigstens drei grundsätzlich unterschiedliche Wege, christliche Mystik wieder zu beleben, hervorgehoben werden:

a Es geht zum einen um den Versuch, die eigene (mittelalterliche) mystische Vergangenheit (z.B. die Schriften Meister Eckeharts) wieder zu ent-decken und die darin enthaltene Erfahrung in einer bestimmten Art von Übungspraxis (Kontemplation, Meditation) neu zu beleben.

b Es geht zum zweiten um eine Wiederbelebung der charismatischen Gaben des Heiligen Geistes, wie sie in den frühchristlichen Gemeinden gepflegt wurden.

c Und es geht zum dritten darum, noch weiter zu noch tieferen Wurzeln vorzudringen, d.h. zu den schamanisch-naturreligiösen Ursprüngen des Christentums. Sie sind - besonders in der katholischen Kirche sowie in den Kirchen des Ostens - nie ganz verloren gegan-gen.

Zu jedem dieser drei Möglichkeiten soll - notwendigerweise sehr selektiv - jeweils ein Bei-spiel angeführt werden; ganz kurz soll dabei auch der jeweilige wesentliche Beitrag aufge-zeigt werden, den die jeweilige Bewegung für die Überwindung der Spaltung des modernen Menschen leisten kann; zugleich sollen aber auch jeweils mögliche Fehlentwicklungen ange-deutet werden.


a) Wiederentdeckung und Wiederbelebung der mystischen Tradition des Mittelalters

Da die eigene christliche mystische Tradition heute kaum noch lebendige Methoden anzubie-ten hat, wandten und wenden sich heute viele Menschen an den Buddhismus. Der Buddhismus hat sich den mystischen Gehalt als den Kern seiner religiösen Praxis stets bewahrt. Im Bud-dhismus hat es daher die Spaltung zwischen Religion und Mystik so wie im Christentum nie gegeben. Zudem hat z.B. der Zen-Buddhismus sich nie als Religion dargestellt, ohne zugleich aber mystische Transzendenz zu leugnen. Von daher ist seine heutige Attraktivität auf westli-che (auch christliche) Sucher verständlich. Der Jesuiten-Pater H.E. Lassalle ging bereits 1929 nach Japan, studierte dort den Zen-Buddhismus und brachte dann die Methode des Zazen (Sitzen in Stille) in die christliche mystische Praxis der katholischen Kirche ein. Er hat mitt-lerweile Nachahmer/innen gefunden, die ebenfalls in Japan Zen studierten und dann im We-sten wiederum Schüler/innen um sich sammelten. Eine breitere Bewegung ist bisher nicht daraus geworden. Die christlichen Kirchen taten und tun sich zum Teil immer noch ein wenig schwer damit. Dennoch findet Meditation - zum mindesten als bloße Methode des Sich-Sammelns und Still-werdens - zunehmend in den Kirchen Verbreitung.

Der spezifische Beitrag der "Zen-Christen" für die Heilung der zersplitterten Persönlichkeit des modernen westlichen Menschen könnte wohl vor allem in dem hohen Maß an Achtsam-keit liegen, das hier den ganz einfachen Handlungen und Dingen des Alltags gegenüber, z.B. in der Arbeit, entwickelt wird; weiter in der daraus erwachsenden Achtsamkeit gegenüber allen Erscheinungsformen des Lebens. Eine mögliche Gefahr mag gelegentlich darin liegen, dass die Praxis der Meditation (die zum Teil strengen Regeln oder die äußere Form) zum pu-ren Selbstzweck wird. Das letztliche Ziel mystischer Praxis - das Leben im Dienst anderer - wird dann verfehlt.


b) Wiederbelebung der in den frühchristlichen Gemeinden gepflegten charismatischen Ga-ben des Heiligen Geistes

Diese "charismatische Gaben des Heiligen Geistes" sind vor allem Heilen, Sprechen in "Zun-gen" (d.h. in fremden, unverständlichen Sprachen) und Prophetie. Dies oft in Formen, "die an schamanische Besessenheit erinnern" . Als Beispiel seien hier die Pfingstkirchen erwähnt. Die ersten Pfingstkirchen entstanden unabhängig voneinander etwa zu Beginn des 20. Jahr-hunderts. Von Anfang gab es auch in den modernen Kirchen zum Teil heftige Ablehnung; einige sahen - und sehen noch heute - darin sogar ein Wirken "Satans".

Die Erscheinungsvielfalt dieser Kirchen ist sicher sehr bunt. Besonders in Südamerika haben sie heute einen fast boomartigen Zulauf. Der gemeinsame wertvolle Beitrag, den sie leisten, ist wohl der, dass hier einfache Menschen im gemeindlichen Beisammensein die unmittelbare Erfahrung Gottes machen und die Gemeinde an dieser Erfahrung teilhaben lassen. Zum Teil haben die Pfingstkirchen als "charismatische Bewegung" auch wieder in die traditionellen Kirchen hineingewirkt. Mögliche Gefahren sind dann gegeben, wenn diese Kirchen in sektie-rerischer Weise selber andere christliche oder nicht-christliche Strömungen als "dämonisch" ausgrenzen und so bestehende Spaltungen vertiefen statt zur Versöhnung beizutragen.

c) Rückkehr zu den schamanisch-naturreligiösen Wurzeln des Christentums

Zur gleichen Zeit - etwa im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts - kam es nun an verschiedenen Plätzen der Welt - und interessanter Weise ebenfalls völlig unabhängig voneinander - zu einer Synthese von schamanisch-naturreligiöser Praxis und christlicher Mystik. Ein Beispiel dafür sind die christlichen Umbanda-Kirchen Brasiliens, die mit (durch Trommeln und Tanzen in-duzierter) Trance arbeiten. Andere Kirchen benutzen dafür Entheogene. So die brasiliani-schen Santo Daime Kirchen (die mit Ayahuasca arbeiten) oder die "Native American Church" in den USA, die den Peyote Kaktus als Sakrament für ihre christlichen Gottesdienste verwen-det. Weitere Beispiele für die Arbeit mit Entheogenen in christlichen Gottesdiensten gibt es in Afrika und in Mittelamerika. Es ist verständlich, dass diese Kirchen - zum mindesten, als sie anfingen, sich über ihre jeweilige Ursprungsregion hinaus auch in den Metropolen zu ver-breiten - ebenfalls zunächst auf Skepsis bis hin zu Argwohn und Unverständnis stießen. In ihren jeweiligen Heimatländern sind diese Kirchen heute legal, weil die Behörden sich davon überzeugen konnten, dass es hier nicht um den Konsum von Drogen geht. Was die Santo Daime Kirchen Brasiliens angeht, so verstehen sie sich als christliche, ökumenische Gemein-schaften, die jede Art von Fanatismus, Sektierertum, Rassismus und religiöser Intoleranz ab-lehnen. Sie engagieren sich in unterschiedlichen Projekten insbesondere zum Schutz des Re-genwalds. Von den großen brasilianischen Kirchen wurden sie während des Legalisierungs-prozesses breit unterstützt.

Der mögliche Beitrag dieser Bewegungen zur Heilung des modernen Menschen könnte in der Einsicht in die tiefen Wunden bestehen, die dieser heute der Natur und damit sich selbst zu-fügt.

Mögliche Gefahren dieser Bewegung liegen weniger dort, wo sie gewöhnlich zuerst vermutet werden, nämlich im Gebrauch psychoaktiver Substanzen (z.B. in gesundheitlichen Gefähr-dungen der Gottesdienstteilnehmer). Gefahren liegen vielmehr - ähnlich wie auch bei den "Zen-Christen" - eher darin, dass die eigene Praxis in einer materialistischen Weise verabso-lutiert und vom Leben abgespalten wird; und dass man dann glaubt, die rein physische - che-misch beschreibbare - Substanz sei es, die den Menschen heilen könne. Von daher gesehen ist das gegenwärtige Verbot des Gebrauchs von Ayahuasca in Santo Daime Gottesdiensten in Deutschland und in einigen anderen europäischen Ländern für die Kirchenmitglieder viel-leicht auch eine Probe auf die rechte Geisteshaltung.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Auch (und vielleicht gerade) heute können Entheogene ein legitimes Werkzeug spirituellen Studiums sein, wenn sie verantwortungsbewusst und mit einer klaren Zielsetzung eingenommen werden. Die Praxis der oben erwähnten Kirchen zeigt das deutlich.

Diese Kirchen halten heute das Menschheitsrecht auf ursprüngliche und authentische religiöse Erfahrung durch Entheogene in der modernen Welt aufrecht. Vielleicht ist diese Form der Synthese von uraltem naturreligiösem Wissen mit der wiederbelebten mystischen Tradition des Christentums ein Modell dafür, wie Religion im 21. Jahrhundert wirksam dazu beitragen kann, die unheilvolle Spaltung zu überwinden, unter der der moderne Mensch leidet. Wir sind sicher, dass sich auch in Europa bald die Einsicht durchsetzen wird, dass es sich bei den entheogenen Kirchen um ein großes Kulturerbe der Menschheit handelt, das es nicht zu un-terdrücken gilt, sondern zu fördern und zu ermutigen.


Gott ist allzu bereit,
wir aber sind unbereit.
Gott ist uns nahe
wir aber sind ihm sehr fern.
Gott ist innen,
wir aber sind draußen.
Gott ist in uns daheim,
wir aber sind in der Fremde.

Meister Eckehart



2. Was sind Entheogene?

Trotz der erwiesenen Unschädlichkeit des Gebrauchs traditioneller Entheogene im tradierten religiösen Kontext wird es in der Diskussion um die staatliche Zulassung von authentischen Santo Daime-Gottesdiensten zunächst einmal ganz vordergründig um die Schädlichkeit oder Nützlichkeit von Entheogenen gehen. Im folgenden daher einige Betrachtungen zu diesem Thema.

Entheogene (auch Lehrer- oder Meisterpflanzen genannt) haben nichts mit dem zu tun, was man sich herkömmlich unter Drogen vorstellt. Zu Drogen wie Heroin oder Kokain stehen sie sogar in einem diametralen Gegensatz. Zudem ist ihre Bezeichnung als "Halluzinogen" zwar nicht eigentlich falsch, aber im Grunde eher irreführend.

Bei psycho-aktiven Substanzen sollte man grundsätzlich zwischen drei verschiedenen Aspekten unterscheiden: nämlich zwischen

a) der halluzinogenen Wirkung (Halluzinationen im engeren Sinn);
b) der psychoaktiven Wirkung
und gegebenenfalls (besonders bei Entheogenen)
c) der "inneren Schau" ("Vision") - manchmal auch, etwas irreführend - "Halluzination im weiteren Sinn" genannt.


a) Halluzinationen kann man definieren als "innere Bilder, die so stark sind, dass sie die äu-ßere Wahrnehmung überdecken können und so gegebenenfalls zu starker Verunsicherung einer Person oder zu nicht rationalen Gedanken und Handlungen führen können". Psycho-aktive Substanzen lassen sich dann danach unterscheiden, wie leicht sie es einem machen, innere Distanz zu solchen inneren Bildern aufrechtzuerhalten - z.B. durch eine entspre-chende innere geistige Haltung ("set") und / oder durch Gestaltung des äußeren Rahmens ("setting", z.B. ein Ritual) - und so mit ihnen zu "arbeiten".

Als Entheogene, die in einem gemeinschaftlichen Gottesdienst genutzt werden, kommen nur solche Substanzen in Frage, die (wie Ayahuasca) prinzipiell Distanz zu den inneren Bildern (oder Halluzinationen) zulassen, die also nicht ausgesprochene Halluzinogene im engeren Sinn sind. Dies deshalb, weil z.B. eine Santo Daime-Arbeit ihren Teilneh-mer/innen ein sehr hohes Maß an Aufmerksamkeit, Konzentration und motorisch-kognitiver Koordination abverlangt. Ein starkes Halluzinogen (wie z.B. auch LSD) würde diese Art von Arbeit unmöglich machen.

Zum mindesten von Ayahuasca können wir sagen, dass - bei der in den Ritualen verwen-deten Zusammensetzung - die Halluzinationen in diesem engeren Sinne, wenn sie über-haupt auftreten, meist sehr schwach sind. In der religiösen Arbeit spielen sie keine wei-tere Rolle; es wird für gewöhnlich empfohlen, sie nicht besonders zu beachten.


b) Im Hinblick auf ihre psychoaktive Wirkung lassen sich Substanzen danach unterscheiden, ob diese Wirkung

Ø die ganze Persönlichkeit anspricht; oder aber, ob sie

Ø selektiv nur bestimmte Teilaspekte der Person anspricht (z.B. das Denkvermögen und / oder bestimmte Emotionen).

Dieser Unterschied ist grundsätzlicher Art - es gibt keine fließenden Übergänge. Das heißt: eine Substanz gehört eindeutig entweder in die eine oder in die andere Kategorie.

Þ Substanzen, die die Person in ihrer Ganzheit ansprechen, heben ihre unausgewoge-nen, defizitären, pathogenen Seiten deutlicher ins Bewusstsein. Zugleich mobilisieren sie in der Person Kräfte oder Ressourcen, diese Defizite auszugleichen und ein Gleichgewicht herzustellen. Sie besitzen von daher ein hohes Potential für die Heilung oder "Ganzwerdung" der Spaltung gerade auch des modernen Menschen. Missbrauch und Suchtverhalten sind grundsätzlich ausgeschlossen - schon allen wegen der unum-gänglichen, mühevollen Auseinandersetzung mit der eigenen Person, die die Arbeit mit diesen Substanzen einem abverlangt.

Þ Davon zu unterscheiden sind Substanzen, die selektiv bestimmte Ausschnitte der Per-sönlichkeit ansprechen, andere dagegen hemmen oder unterdrücken. Beispiele sind Kokain (es steigert vorübergehend intellektuelles Denkvermögen und bestimmte
- egoistische - Emotionen, unterdrückt zugleich echte Gefühle) oder auch legale Dro-gen wie Prozac (und ähnliche Antidepressiva). Substanzen dieser Art ermöglichen es einem, wirkungsvoll und rasch "schmerzhaften inneren Zuständen zu entkommen" ; sie lassen einen vorübergehend besser "funktionieren" und sind deshalb gerade für den modernen, unter Leistungsdruck stehenden Menschen sehr verführerisch. Von einer Entwicklung der Person kann dabei jedoch keine Rede sein; nicht selten führt der Ge-brauch dieser Drogen sogar in körperliche oder seelische Abhängigkeit und in die Ver-festigung und Vertiefung pathogener Muster. Für den an inneren und äußeren Spaltun-gen leidenden modernen westlichen Menschen wirken sie sich tendenziell katastrophal aus.

Beide Arten von Substanzen nicht streng auseinander zu halten, führt zu Verwirrung und außerdem zu Unrecht gegenüber jenen, die ernsthaft an sich arbeiten wollen. Als Entheo-gene können selbstverständlich nur solche Substanzen gelten, die die erste Bedingung er-füllen, die daher grundsätzlich auch nicht missbraucht werden und in Abhängigkeit führen können.


Entheogene die

a) sowohl innere Distanz zulassen als auch
b) die ganze Person ansprechen

sind eher selten. Die wichtigsten Beispiele sind Ayahuasca, Peyote und psilozybinhaltige Pilze. Genau um diese Pflanzen herum haben sich die erwähnten christlichen Kulte entwickelt, weil sie sich hervorragend für diese Aufgabe eignen.


c) Die "innere Schau" (oder "Vision") schließlich, auf die die Arbeit mit Entheogenen letztlich abzielt, ist wie gesagt nicht mit einer Halluzination (in dem oben definierten engeren Sinn) zu verwechseln. Sie besitzt immer auch eine Komponente, die man als "Einsicht" oder "Erkenntnis" bezeichnen könnte. Oft steht diese Komponente sogar im Vordergrund du de visuelle Seite ist weniger oder gar nicht vorhanden . Visionen werden nicht durch eine chemische Substanz hervorgerufen. Eine chemisch hervorgerufene innere Wahrheit wäre die Mühe nicht wert, die sie bereitet.

Um den Unterschied zwischen Halluzinationen und "innerer Schau" (oder Vision) ver-ständlicher zu machen, sei auf eine Analogie zurückgegriffen. Die meisten werden sich noch an die 3-D-Bilder erinnern, die vor einigen Jahren modern waren. Sie sind in Bildern oder Mustern quasi "versteckt" und auf Anhieb normalerweise nicht sichtbar. Erst wenn es einem gelingt, den Blick zu entspannen - was oft gar nicht so einfach ist - treten sie ganz plötzlich hervor und man wundert sich, dass man sie nicht schon vorher gesehen hatte.
Ähnlich ist es mit der "inneren Schau". Die Welt der Innenschau oder Visionen ist äußerst flüchtig: Sie zeigt sich nur demjenigen, der / die sich - d.h. den inneren Blick, das "Herz" - öffnet, sich "leer" macht, selbstlos wird. Wer sich dagegen mit Halluzinationen "zu-knallen" möchte oder sich gar der groben Energie einer Droge wie Kokain aussetzt, dem wird sie hermetisch verschlossen bleiben.

Bevor sich allerdings das Herz in dieser Weise öffnen kann, ist in der Regel erst einmal "Arbeit" zu leisten: Die Verkrustungen, mit denen sich unser Herz im Laufe unseres Lebens vom Leben abgetrennt hat, müssen "durchgearbeitet" werden. Dies ist so bei allen mystischen Praktiken - seien es intensive Meditation, Trancetechniken etc. oder aber eben auch Entheogene. All diese Praktiken unterstützen uns sehr wirksam darin, das Gestrüpp von (Selbst-)Täuschung, mit dem unser Ich sich gegenüber der (oft unerträglichen) Wirk-lichkeit wappnet und in dem es sich zugleich meist "heil-los" verfängt, zu lichten. Eine solche Täuschung ist es z.B., wenn wir Feindbilder aufbauen und andere Menschen ver-urteilen (z.B. um so über erlittene Kränkungen hinwegzukommen) oder an Groll festhalten. Die Täuschung besteht darin, dass wir die Wahrheit leugnen: die Größe und Heilig-keit der EINEN von Anbeginn in uns allen wirkenden, unzerstörbaren schöpferischen Kraft. Wir merken nicht, dass wir mit der Verurteilung anderer letztlich nur uns selber Leid und Schmerz zufügen. Wenn Jesus uns sagt: "Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst", meint er genau dies.

Bei der Arbeit mit Entheogenen können wir all dies deutlich erkennen. Wir können uns sehen in all unserer Ich-Sucht, in all unseren großen und kleinen Lieblosigkeiten, für die wir immer wieder Rechtfertigungen (er)finden. Wir können vielleicht sogar sehen, wie der Groll, den wir schon so lange mit uns herumtragen, in jeder unserer Zellen gespeichert ist, uns innerlich vergiftet und Lebenskraft kostet. All das ist nicht immer einfach und angenehm. Die damit verbundenen seelischen Schmerzen können uns die Entheogene nicht abnehmen. Auch den Praktikanten traditioneller mystischer Techniken bleibt es nicht erspart, sich durch seelische und körperliche Schmerzen hindurchzuarbeiten. Ehe die abgespaltenen Teile der Person wieder eingegliedert werden können, müssen sie erst mal als abgespalten erlebt werden - und das geht meist nicht ohne Schmerzen ab.

Vergleichbare Erfahrungen berichtet z.B. S. Grof aus seiner - allerdings nicht primär re-ligiösen - Arbeit mit der Hyperventilationstherapie. Statt - wie es dem Denken der Schulmedizin entspräche - die Hyperventilation der Aspiranten abzubrechen, wenn die typischen - vom Patienten oft als unangenehm und schmerzhaft erlebten - Spasmen (Krämpfe) auftreten, lässt G. die Patienten weiter- und durch den Schmerz (als Ausdruck eines tiefer liegenden Traumas) durchatmen. Die Spasmen gehen dann - entgegen der schulmedizinischen Befürchtung - in der Regel zurück statt an Intensität zuzunehmen und der Patient "erreicht schließlich einen extrem ruhigen und gelösten Zustand mit Visionen von Licht und Gefühlen von Liebe und Verbundenheit. Häufig ist das Endergebnis ein tiefer mystischer Zustand, der für die betreffende Person von dauerhaftem Wert und persönlicher Bedeutung sein kann." (Grof, 1985, S. 369 ff).

Je tiefer und gründlicher wir diese - oft schmerzhafte - Arbeit vornehmen, und das heißt vor allem: je ehrlicher und demütiger wir dabei werden, und je mehr wir uns selbst und unseren Nächsten dabei in all unserer Unvollkommenheit annehmen, desto klarer und deutlicher öffnet sich in uns der Zugang zu einer ganz anderen Sichtweise, die allerdings nur schwer in Sprache zu fassen ist: die immer wieder überwältigende Erkenntnis, dass letztlich alles EINS, alles Liebe ist - angesichts der Realitäten in unserer gespaltenen, verrückten Welt eine scheinbar unsinnige Erkenntnis. Es ist dies aber die heilende innere Wahrheit, die letztlich in uns allen verborgen ist und die uns tief berühren kann, wenn wir uns nur für sie öffnen.

Die "innere Schau", die Visionen, die wir dann erfahren, hat mit dem Entheogen nun nichts mehr zu tun. Sie ist daher auch keine "Halluzination" im eigentlichen Sinn. Sie entfaltet sich in unserem Herzen als Frucht unserer ureigenen inneren Arbeit bzw. der gemeinschaftlichen Arbeit der Teilnehmer / innen. Entheogene sind nur Mittel - ähnlich wie die anderen oben erwähnten wie Meditation und Fasten - die uns bei dieser inneren Arbeit helfen.

An dieser Stelle kann man natürlich zu Recht fragen: Wozu brauche ich dann Entheogene, wenn es mit Meditation auch geht? Dazu lässt sich zunächst sagen, dass auch intensive Meditationsretreats "nicht ohne" sind. Es sind meist mindestens 8-10 Tage intensives Sitzen, ohne Bewegung, im Schweigen, wenig Schlaf. Menschen mit labiler Persönlichkeit werden - wie auch bei entheogenen Gottesdiensten - zu solchen Veranstaltungen entweder gar nicht oder nur mit Beschränkungen zugelassen. Der Vorteil von Entheogenen ist, dass sich viele westliche Menschen solche langen Exerzitien gar nicht leisten können, so-dass sich schon allein daher für viele Menschen möglicherweise auch Arbeit mit Entheogenen empfiehlt. Möglicherweise wird es in Zukunft auch zu einer Verbindung dieser beiden Wege kommen. Der bekannte buddhistische Meditationslehrer Jack Kornfield sagt in einem Interview: "Ich wäre nicht überrascht, wenn es eines Tages zu einer nützlichen Ehe käme zwischen einigen von diesen heiligen Stoffen und einer systematischen (Meditations-) Praxis (...). Diese Ehe wird auf einem Verständnis der alten Lehren und dem Respekt für die Gesetze des Karma beruhen müssen; gegründet auf Mitgefühl, ethischer Grundhaltung, einem offenen Herzen und geschulten Geist sowie auf den Gesetzen der Befreiung. Dies vorausgesetzt, mag es eine äußerst fruchtbare Kombination ergeben."


3. Die spirituelle Arbeit der Santo Daime Kirchen




Santo Daime Kirchen sind sich bewusst, dass der Umgang mit dem Santo Daime Sakrament eine klare Struktur der Gottesdienste und eine religiöse Ausrichtung der Kirchenmitglieder verlangt. Denn nur unter diesen Voraussetzungen – in der wissenschaftlichen Diskussion spricht man hier von „set„ und „setting„ – können sich die therapeutisch-integrativen Wirkungen von Ayahuasca (Daime) optimal entfalten.


3.1 Der Gottesdienst

Santo Daime Kirchen sind – wie erwähnt - christliche, ökumenische Gemeinschaften, die jede Art von Fanatismus, Sektierertum, Rassismus und religiöser Intoleranz ablehnen.

In ihren Gottesdiensten verwenden sie als Sakrament einen Tee (Ayahuasca). Ayahuasca ist ein schamanisches Pflanzengetränk, das vorwiegend in südamerikanischen Ländern wie Brasilien und Peru als Medizin bekannt ist. Das Ayahuasca, das in den erwähnten Kirchen verwendet wird, heißt „Daime„. Es wird in einer sorgfältigen, dreitägigen religiösen Zeremonie im brasilianischen Regenwald zubereitet.

Der Santo Daime Gottesdienst selbst als ein christlich-schamanisches Ritual folgt genau festgelegten Energiemustern. Wesentliches Fundament des Rituals ist die Bildung eines reinen und kraftvollen Energiestromes zwischen allen Beteiligten. Männer und Frauen, in weiß gekleidet, sitzen sich in einer Mandala-artigen Sitzordnung gegenüber. Alle Bewegungen in diesem Kreis, der um einen Altartisch angeordnet ist, folgen dem Uhrzeigersinn. Helfer achten darauf, dass der Energiefluss der Gruppe nicht durch unachtsame Bewegungen Einzelner gestört wird. Jeder Teilnehmer des Rituals trägt die Verantwortung, sich mit seiner Aufmerksamkeit auf die Gesänge und Gebete zu konzentrieren und intensiv mitzuarbeiten, indem er sich auf Heilung ausrichtet. Diese konzentrierte Atmosphäre, in Verbindung mit der Wirkung des heiligen Daimetranks, bewirkt eine meditative, hochfrequente Energie im Raum.

In diesem kraftvollen Energiefeld nun erfährt der Einzelne eine Intensivierung seiner Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeiten. Teilnehmer berichten von Erfahrungen des Lichtes, aber auch von Bildern, Einsichten und Visionen. Diese Vision wird in der Sprache des Daime „miração„ genannt, was dem deutschen Begriff der mystischen Erfahrung oder der inneren (mystischen) Schau entspricht. Sie bietet dem religiös Suchenden Einblicke in erweiterte Bereiche seines individuellen Bewusstseins, die kaum in die Sprache unseres Alltagsbewusstseins zu übertragen sind. Verbunden sind diese Erfahrungen mit Gefühlen der Liebe, Dankbarkeit und großer Freude. Gleichzeitig wird der Kanal zu dem, was in heutiger Sprache das höhere Selbst genannt wird, gereinigt und gefestigt.


3.2 Die Hymnen (Hinos) als spirituelle Lehre des Santo Daime

Es gibt in den Santo Daime Kirchen keine Priester, die das Wort Gottes qua Amt verkünden und auslegen. Ebenso wenig gibt es eine dogmatische Lehre, die man in Büchern nachlesen könnte. Statt dessen gibt es Gebetbücher. Sie bestehen aus Liedern oder Hymnen („hinos„), die in besonders mystischen Momenten von Daime Praktikanten empfangen wurden. Diese Hymnen enthalten die eigentliche Lehre der Kirche und werden in Liederbüchern gesammelt. Texte und Melodien empfangener Hymnen öffnen ihre tiefe Bedeutung oft erst in Momenten tiefer Versenkung.

Das Empfangen von Liedern ereignet sich in den Gottesdiensten der Daime-Gemeinschaften auf der ganzen Welt immer wieder, so dass es Lieder in verschiedenen Sprachen gibt. Auf diese Weise erweitert sich die Lehre des Daime völlig selbstständig, direkt durch die Nervensysteme der Teilnehmer. Der Inhalt der Lieder kreist auf vielfältige Weise um Themen wie Vergebung, Mitgefühl und die Ausrichtung auf Gott. Indem die Gemeindemitglieder diese Lieder miteinander teilen, prägt sich ihr Inhalt auf einer kollektiven Ebene ein. Damit steht die Daimekirche in der langen Tradition aller der Religionen, die Singen als grundlegendes Element der Anbetung, des Dankens und der Weitergabe ihrer Lehre gewählt haben.

Bemerkenswert ist aber nicht nur der Bedeutungsgehalt der Hymnen, sondern darüberhinaus auch die Art und Weise wie sie gesungen werden: Daime Gottesdienste sind geprägt durch einen typisch hochfrequentigen Gesang.

Die Gesangspädagogin G. Rohmert hat in der menschlichen Stimme unter bestimmten Bedingungen – die dem Singen z.B. von Daime-Hymnen sehr nahe kommen – zwei sehr hohe Frequenzen entdeckt („Sängerformanten„ im Bereich 5000 und 8000 Herz). Beim normalen Singen – auch dem westlichen klassischen Gesang – sind diese Sängerformanten gewöhnlich nicht entwickelt. Sie zu erreichen, ist nicht einfach und erfordert intensive, auch spirituelle Schulung und Arbeit an sich selbst. Wenn sie aber erreicht werden, dann ermöglichen sie es dem Sänger / der Sängerin, mit großer „Leichtigkeit„ (d.h. energiereich und quasi „wie von selbst„) zu singen. Man hat dann das Gefühl, dass man nicht mehr selber singt, sondern dass „es„ in einem singt.

„Den Sängerformanten wird der Begriff ‚Brillanz‘ zugeordnet. Brillanz ist nicht durch eine bestimmte Farbe gekennzeichnet, sondern ähnelt dem ‚weißen Licht‘, das alle Farben in sich enthält.„ Diese Brillanz der Sängerformanten lässt sich nicht erzwingen. Im Gegenteil: je mehr man dies forciert, desto weiter entfernt man sich von ihr. Die Sängerformanten und ihre Brillanz entfalten sich in dem Maße, wie es dem Sänger / der Sängerin gelingt, sich tief zu entspannen und das eigene „Ego„ (z.B. den Wunsch, mit seinem Gesang zu „glänzen„) beim Singen hinter sich zu lassen, demütig zu werden und so allmählich zu einem Gefäß für eine höhere Kraft zu werden.

Es ist dies der Zustand, in dem sich den Gottesdienstteilnehmern die tiefere Bedeutung der Hymnen erschließt und in dem sie dann gelegentlich auch selber Hymnen empfangen. Es ist zugleich der Moment, in dem es möglich ist, die eigene menschliche Natur und die Verbundenheit mit allem zutiefst als Gewissheit zu erfahren.

„Geheiligte Musik ist durch alle Kulturen hochfrequent, was vom Zuhörer (...) eine gewisse Aufmerksamkeit erfordert. (Das dadurch notwendige) strenge Lauschen richtet den Zuhörer auf und verleiht ihm dadurch Selbstlosigkeit, Geduld und Ruhe„ (Weeks, 1988).

Hochfrequentem Gesang wird in allen spirituellen Traditionen der Welt eine heilsame Wirkung zugesprochen: Offenbar vermag der genannte Frequenzbereich das Gehirn (rechte und linke Gehirnhälfte, Großhirn und Stammhirn sowie Gehirnflüssigkeit, Liquor) zu koordinieren, den Körper zu tonisieren und Spannungen des Muskel- und Nervensystems auszugleichen.

3.3 Die Wirkung der Santo Daime Arbeit auf die Teilnehmer/innen

In Santo Daime Kirchen wird streng darauf geachtet, dass das Trinken von Ayahuasca („Daime„) nur im Rahmen eines genau festgelegten Gottesdienstes erfolgt. Der rituelle Gottesdienst wird gewissenhaft vorbereitet: der Raum wird gesäubert, der Altartisch mit dem Kreuz, mit Blumen und den Bildern von christlichen Heiligen geschmückt. Alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind sauber gekleidet.

Die Gottesdienste werden innerhalb der Daimegemeinschaft auch "Arbeit" genannt. Sie fordert vom Teilnehmer eine Bereitschaft, eigene Schwächen zu konfrontieren und sich auf einen Gruppenprozess einzulassen. Wenn diese Bereitschaft vorhanden ist, arbeitet die Daimepraktikanten während des Gottesdienstes auf fünf verschiedenen Ebenen:

Ø Ebene des Selbst

Die Daime-Arbeit ist ein ernsthaftes Studium, das längere Passagen der Meditation und Selbstbesinnung einschließt. Wer zu den Ritualen kommt, um vor der Welt zu flüchten oder seine Individualität zu verherrlichen, wird schnell merken, daß er mit solchen Erwartungen hier fehl am Platz ist. Gefragt sind Bereitschaft zu Offenheit, Ehrlichkeit und schließlich auch: Demut.

Demut ist eine Tugend, die heutzutage sehr in Misskredit geraten ist, einfach, weil sie zu oft missbraucht wurde. Wirkliche Demut zu entwickeln bedeutet: zu lernen, einfach zu werden und sich selbst zurückzunehmen vor der Größe, der Göttlichkeit der Schöpfung in uns selbst und in der Welt um uns herum (z.B. in unserem Nächsten oder in der Natur). Demut entsteht oft auch aus Scham: Scham angesichts des Erkennens dessen, wie sehr wir z.B. unseren Nächsten durch unseren Egoismus immer wieder Schwierigkeiten bereiten statt sie von ganzem Herzen zu ermutigen und zu unterstützen. Mit Demut entsteht gleichzeitig das starke innere Bedürfnis nach Dankbarkeit und nach Vergebung: Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens; Vergebung für das Leid, das wir anderen oder uns selbst zugefügt haben.

Der Schlüssel für all dies und gleichzeitig die vielleicht wichtigste Lektion, die wir dabei zu lernen haben, ist, uns selbst ebenso wie unseren Nächsten so anzunehmen wie wir sind – mit all unseren Schwächen und Fehlern.

Basis für diese innere Arbeit in Daime Gottesdiensten ist Konzentration: Konzentration ist etwas, was dem modernen, „gestressten„ Menschen heute sehr schwer fällt und was daher auch in Daime-Arbeiten immer wieder geübt werden muss. Es ist eine echte Herausforderung, konzentriert und bei sich selbst zu bleiben, wenn das Daime seine Kraft entfaltet, unsere Fehler und Schwächen nach oben bringt und uns mit ihnen konfrontiert. Die Konzentration richtet sich zunächst einmal auf ganz einfache und naheliegende Dinge: auf die Art, wie ich sitze, mich bewege, singe, ein Musikinstrument spiele etc.; dann aber auch zunehmend als bewusste Ausrichtung der Gedanken auf das Gute und Wahre. In den Hymnen werden hierzu vor allem Jesus Christus der Erlöser und die Heilige Jungfrau Mutter angerufen.

Eine typische Strophe aus einer Hymne lautet z.B.:

Eu peço ajuda Ich bitte um Hilfe
Ao meu Rei Salvador Meinen König und Heiland
Viver com alegria Um in Freude zu leben
E esquecer toda dor Und allen Schmerz zu vergessen

Die Hymne schließt mit der Strophe:

Concludo dizendo Ich schließe das Lied und sage
A todos meus irmaos Allen meinen Brüdern,
Que consagrem esta verdade Sie sollen diese Wahrheit heiligen
E não comparem com a ilusão Und nicht für eine Illusion halten

Aus einer solchen „Arbeit„ – sie kann manchmal acht bis zehn Stunden dauern - kommen die meisten Teilnehmer – ähnlich wie nach einer umfassenden Beichte - mit einem Gefühl tiefer innerer Läuterung heraus.

In der Sprache der modernen Psychologie könnte man es – etwas nüchterner – vielleicht so formulieren: Daime-Rituale zielen darauf ab, die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeitsstruktur zu fördern, sodass Fehlprogrammierungen im Denken korrigiert werden können, die Ich-Kraft durch Selbsterkenntnis auf gesunde Weise gestärkt wird und sich innere Klarheit einstellen kann.

Im folgenden einige typische Berichte von Menschen über die längerfristigen Früchte aus ihrer Arbeit mit Santo Daime :

„Mein Verhältnis zu meiner Mutter war lange Zeit durch viel Groll, Schuldvorwürfe usw. gekennzeichnet und durch entsprechend große Distanz zu ihr. In Daime-Arbeiten habe ich gelernt, sie mit anderen Augen zu betrachten; nicht mehr so sehr zu betonen, was sie alles falsch gemacht hat; sondern zu sehen, was sie für mich getan hat. Und dass sie alles - auf ihre Weise – aus Liebe und perfekt gemacht hat.„

„Ich bemühe mich heute zunehmend, mich mit meinen eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten anzunehmen und mich nicht dauernd schlecht zu machen. Dadurch bin ich auch anderen gegenüber duldsamer und großzügiger geworden.„

„Ich habe mein Herz wieder entdeckt. Ich kann heute sehen, dass ich es seit meiner Kindheit immer mehr abgeschirmt habe, nur um den Schmerz der Zurückweisung nicht zu spüren. Beruflich war ich dadurch recht erfolgreich. Aber die Folge von allem war Leiden für mich und andere; eine zerbrochene Ehe.„

Ø Ebene des Körpers:

Das konzentrierte, hochfrequentige Singen der Lieder zusammen mit den chemischen Komponenten des Daimetranks harmonisiert das Zusammenspiel von Körper und Geist auf einer sehr feinen, subtilen Ebene, die einem im normalen Alltag nicht ohne weiteres zugänglich ist. Offenbar werden dadurch die Selbstheilungskräfte des Organismus angeregt. Vielleicht liegt hier ein Schlüssel für die erstaunlichen Heilungsberichte, die über die Wirkung des Daime-Trankes mittlerweile vorliegen. So berichten Teilnehmer z.B. immer wieder übereinstimmend von „astralen Operationen„, bei denen ihnen von „geistigen Helfern„ Organe aus dem Körper entfernt, diese geheilt und wieder neu eingesetzt werden.

Viele Teilnehmer erleben die Daime Arbeit als einen Prozess nicht nur seelischer, sondern auch körperlicher innerer Reinigung. Es scheint, als ob mit der Auflösung negativer Emotionen immer auch körperliche Gifte und Schlacken ausgeschieden werden. Viele Teilnehmer berichten, dass sich Daime Arbeiten verjüngend und verstärkend auf ihren gesamten Organismus auswirken.

Was hier heilt, das ist nicht eine Substanz im medizinisch-pharmakologischen Sinne. Die Aussage von Sant Rajinder Singh zum Zusammenhang von Meditation und Heilung kann man ohne Abstriche auch auf Daime Arbeit übertragen: „Meditation verbindet den Menschen mit seiner Seele und dadurch mit seiner inneren Kraftquelle. Letztlich geht jede Heilung, mental, emotional oder physisch, von dieser Ebene aus. Heilung ist ein spiritueller Vorgang: Kommt die Seele zu sich selbst, harmonisiert dies alle Ebenen. Geist, Emotionen und Körper kommen ins Gleichgewicht, was die eigentliche Voraussetzung für Gesundheit ist. Dies führt nicht nur zu einem entspannten Zustand, der einen stabilen Gleichmut erlaubt, sondern auch zu tiefer innerer Erfüllung und Liebe.„

Wissenschaftliche Studien (Grob et al. 1996) bestätigen darüber hinaus, dass Ayahuasca – im Gegensatz zu chemischen Substanzen wie z.B. MDMA – den Serotonin-Stoffwechsel nicht nur nicht stört, sondern ihn sogar auf natürliche Weise fördert – eine in der Pharmakologie bisher einmalige Beobachtung.

Ø Ebene des Intellekts

Der Intellekt ist während der Arbeit mit den Inhalten der Lieder (Hymnen) beschäftigt, die grundlegende religiöse Botschaften vermitteln. Die Hymnen sind aus der geistigen Welt empfangene Lieder, die dem Menschen einen einfachen und geraden Weg des Mitgefühls, der Vergebung und des Dienens im Sinne Christi aufzeigen. Der im Alltag oft ziellos dahinwandernde Geist wird diszipliniert und kann sich auf spirituelle Inhalte ausrichten. Da jeder Daimepraktikant das Ritual aktiv mitgestaltet, lernt er, in jedem Augenblick wach und präsent zu sein und sich nicht von den vielfältigen Gedanken ablenken zu lassen.

Ø Soziale Ebene

Das Ritual als Gruppenprozess fordert von jedem einzelnen Teilnehmer, wach und präsent zu sein und sich in die soziale Struktur des Ritualkreises einzufügen. Denn alle wissen: je stärker die Kohärenz desto tiefer auch die mystische Erfahrung aller, die am Gottesdienst teilnehmen. Die Kreisformation, die Harmonisierung der Bewegungen und des Gesangs, das Spielen der Instrumente, all dies verlangt von jedem Teilnehmer Achtsamkeit, Respekt vor dem Raum des anderen und das Zurückstellen eigener Bedürfnisse zum Wohle des Gelingens des Ganzen. Die Kohärenz, die sich im Gruppengeschehen einstellt, ist in ihrer Kraft und Schönheit ein Indiz für die Achtsamkeit und die Konzentration jedes Einzelnen.

Ø Überpersönliche Ebene

Die Vielschichtigkeit der Rituale ermöglicht eine ganzheitliche Heilungserfahrung. Die außergewöhnliche Heilkraft des Santo Daime liegt vor allem in dem unsichtbaren Feld, das er den Ritualteilnehmern erschließt. Unter dem besonderen Schutz christlicher Heiliger, vor allem aber der Heiligen Mutter und Jesus Christus dem Erlöser werden in den Ritualen geistige Heiler, Heilige und Engel verschiedener spiritueller Linien angerufen. Durch Gebete stärken die Teilnehmer der Rituale ihren Glauben in die harmonisierende Kraft des Göttlichen.


4) Ist die Santo Daime Religion geeignet für den westlichen Menschen?

Aus der Vision eines einfachen schwarzen Gummizapfers im amazonischen Regenwald entstanden, ist es schwer, sich die schamanische Arbeit des Daime im Kontext unseres christlichen Glaubens vorzustellen. Es scheint keine Verbindung zwischen beiden zu geben. Psychoaktive Pflanzen als Sakrament - allein diese Vorstellung löst bei vielen Menschen einen angstbesetzten Beigeschmack aus. Der anthropologische Blick auf die Traditionen unserer Vorfahren zeigt jedoch, dass alle Priester früher Heiler und pflanzenkundliche Schamanen waren, sei es bei den Kelten oder Germanen. Der Daimeweg zeigt dem westlichen Suchenden die Verbindungslinie zu altem religiösen Wissen, das heute vielfach verschüttet ist und oft nur noch als Ahnung oder Sehnsucht vorhanden ist.

So zeigt ein Blick auf die Partyszene, dass das Bedürfnis nach Trance heute sehr verbreitet ist. Leider fehlt diesen Suchenden aber oft ein religiöser oder zum mindesten transzendenter Kontext; statt suchend sind sie dann süchtig nach dem Kick. Wer auf diese Weise das Sakrament mit einer Partydroge verwechselt, dessen Interesse an der Arbeit mit Entheogenen erlischt sehr schnell, wenn er sieht, dass hier mühsame Arbeit an sich selbst gefragt ist – ja dass er sogar nicht umhin kommt, sich mit dieser seiner Sucht auseinander zu setzen statt vor ihr davonzulaufen.

Dass im Daime Schamanismus und Christentum nebeneinander und miteinander existieren, ist auch aus Sicht der schamanischen Tradition nicht unbedingt selbstverständlich. So hat z.B. der Ethnologe C. Rätsch des öfteren argumentiert, die Daime-Kirchen hätten das Ayahuasca quasi zweckentfremdet, indem sie es in den Dienst jener Kraft (nämlich des Christentums) gestellt hätten, in deren Namen die Völker Südamerikas und ihre schamanischen Traditionen vernichtet wurden. Auf der anderen Seite kann die Praxis der Daime-Kirchen aber auch als eine Form der Versöhnung des Christentums mit der Geschichte Südamerikas verstanden werden. Eine Geschichte voller Unterdrückung und Gewalt durch die europäischen (christlichen) Eroberer. Dies war nicht die Botschaft des Christentums, unter dessen Banner die Eroberer kamen. Jeder einzelne Daimista weiß um die Herausforderung, die in vielen Hinos besungen wird: - als Bruder unter Brüdern auf dieser heiligen Erde zu leben. Da dies die Kernaussage von Christus ist („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst„), wird verständlich, warum Christus der höchste Patron der Daimebewegung ist. Die spirituelle Wahrheit erschließt sich dem aufrichtig Suchenden als ein inneres Bedürfnis, Natur und Mitmensch zu achten und zu würdigen. Auf dieser Ebene gehört die Botschaft Christi in die Tradition des Daime und zeigt sich als universale Wahrheit.




Literatur


Antonovsky,A.: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen 1997.

Balzer, C.: Santo Daime in Deutschland – eine verbotene Frucht aus Brasilien. In: Zeitschrift für Religionswissenschaft, 1999, 1, S. 49 ff.

Grob, C.S., D.J. McKenna, G.S.Brito, E.S.Neves, G. Oberlender, O.L. Saide, E. Labigalini, C. Tacla, C.T. Miranda, R.J. Strassman und K.B. Boone: Human psychopharmacology of hoasca, a plant hallucinogen used in ritual context in Brasil,
in: Journal of Nerveous and Mental Disease 184, S. 86-94 (1996)

Grof, S.: Geburt, Tod, Transzendenz. Neue Dimensionen in der Psychologie. München 1985.

Groisman, A., Sel, A.B. : ‚Healing Power‘: Cultural Neurophenomenological Therapy of Santo Daime. In: Jahrbuch für Transkulturelle Medizin und Psychotherapie 6 (1995), S. 241-255.

Mabit, J., Giove, R., Vega, J.: ‚Takiwasi‘. The Use of Amazonian Shamanism to Rehabiltate Drug Addicts, in: Jahrbuch für Transkulturelle Medizin und Psychotherapie 6 (1995), S. 257-285.

Metzner, R.: Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewusstseins. In: Dittrich, A. et al: Welten des Bewusstseins. Band 1. Berlin 1995.

Pogaènik, M.: Erdsysteme und Christuskraft. Ein Evangelium für das Menschwerden. München 1998.

Rätsch, C.: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Botanik, Ethnomethodologie und Anwendungen. Aarau 1998.

Rohmert, G.: Der Sänger auf dem Weg zum Klang. Köln 1991.

Shannon, B.: Ideas and Reflections Associated with Ayahuasca Visions, in: MAPS Newsletter, Vol. 8. Nr. 3, 1998.

Sheldrake, R.: Die Wiedergeburt der Natur, Scherz Verlag 1993.

Sölle, D.: Mystik und Widerstand.

Williams, R.: The Trusting Heart. New York 1989.



 


 

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