Magic Mushrooms, Zauberpilze und der Fliegenpilz im Schamanismus

Kleine Geschichte des frühgeschichtlichen Gebrauches von psychoaktiven Pilzen (Psilocybin Pilze, Stropharia cubensis, Magic Mushrooms, Amanita muscaria, Zauberpilze)


Die Ältesten Zeugen eines rituellen Pilzkultes wurden Ende der 80er Jahre auf dem Gebiet der Sahara im Tassili n´Ajjer Massiv im Süden des heutigen Algeriens in Form von prähistorischen Felsmalereien entdeckt. Die Malereien lassen auf einen schamanischen Gebrauch von psychoaktiven Pilzen schließen, die heute als Magic Mushrooms bezeichnet werden, der bereits in der späten Steinzeit Nordafrikas um 9000– 6000 v. Chr. voll entwickelt war.

Tanzende Magic Mushrooms aus dem Tassili

Die Felskunst zeigt tanzende, anthropomorphe Entitäten mit pilzförmigen Köpfen. Diese Wesen, vielleicht Menschen, die sich in einer durch psilocybin-haltige bzw. entheogene Pilze induzierten Trance befinden, oder in Trance wahrgenommene Pilzgeister, halten Pilze in den Händen, von denen Linien ausgehen, die eine Verbindung zu den Köpfen der Mensch-Pilzhybriden ziehen. Die scheinbar umherhüpfenden Wesen sind umgeben von geometrischen Strukturen, die naheliegenderweise die Pilzekstase illustrieren. Eine andere Zeichnung zeigt eine/einen SchamanIn oder eine Pilzgottheit, der/dem zahlreiche Pilze aus der Haut hervorspriessen. In den Händen der Figur sind deutlich weitere Pilze zu erkennen. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, daß die Pilze nicht aus der Haut hervorspriessen, sondern die Haut bzw. das Fleisch selbst pilzförmig strukturiert ist. Somit könnte man meinen hier auf eine Illustration der altmexikanischen Bezeichnung für entheogene Pilze Teonanacatl (Fleisch der Götter) zu treffen. Dieses ist besonders interressant im Lichte der Möglichkeit frühgeschichtlicher Kontakte zwischen Südamerika und Nordafrika, die durch schwer zu deutende Funde von Tabak und Cocaspuren an ägyptischen Mumien nahegelegt wird.

Auch Darstellungen von Rindern finden sich, auf deren Dung bekanntermaßen viele Angehörige der Pilz-Gattung Psilocybe spp. besonders gerne gedeihen, wenngleich der Zusammenhang der Rinder mit den Pilzen nicht mit Sicherheit behauptet werden kann. Weiterhin sind auch Nadel- und Laubgehölze zu sehen (Zur Entstehungszeit vieler dieser Malereien war die Sahara noch ein ausgesprochen fruchtbares Gebiet, der Verwüstungsprozess begann erst ca. 5500 v. Chr.). Die Zeichnungen weisen sogar noch Farben auf. Einige Pilze sind dabei blau dargestellt. Viele Psilocybe- und Panaeolus-Arten weisen charakteristische Blauverfärbungen auf. Im Tassili n´Ajjer Massiv gibt es Felsmalereien, von denen sich die ältesten der späten Phase des afrikanischen Neolithikums um etwa 6000 v. Chr. zuordnen lassen. Die jüngsten sind etwa 2000 Jahre alt. Das Tassili n´Ajjer Gebiet ist weiterhin bekannt für seine Felsmalereien, die der sogenannten "Rundkopfperiode" entstammen, die nach dem Stil der bildlichen Darstellung der Menschen auf diesen Malereien benannt ist. Diese Rundkopfperiode wird gemeinhin auf die Jahre 9000 – 6000 v. Chr. datiert, und die Motive der Malereien dieser Zeit lassen auf die Existenz eines Kultes der Großen Göttin schließen. So z. B. die aus Inaouanrhat im Tassili stammende Darstellung einer mit ausgebreiteten Armen tanzenden gehörnten Frau, die Terence McKenna als eine Verkörperung der Großen Gehörnten Göttin betrachtet. Die Entdecker dieser frühen Blüte menschlichen bildhaften Ausdrucks meinten in der gehörnten Frau gar eine Verwandtschaft zu Isis, der Großen Göttin Ägyptens, auszumachen.

Im äußersten Norden und Osten des eurasischen Kontinents war der rituelle Gebrauch des Fliegenpilzes (Amanita muscaria) über lange Zeit ein wichtiges Element im Schamanismus der sprachlich und kulturell nah verwandten Stämme der Korjaken, Kamtschadalen, Tschuktschen, Samojeden und Jukagiren. Diese Stämme waren in der Zeit, bevor 1589 der erste Kontakt mit den Russen stattfand, in erster Linie eine seminomadische Hirtenkultur. Ihre wichtigste Nahrungsquelle stellten wilde Rentierhorden dar. Nicht bei allen Stämmen war der Fliegenpilz reichlich verfügbar. Es wird davon berichtet, daß Händler dem Fliegenpilz beizeiten den Wert eines Rentier beimaßen.

Der Pilz wurde vor allem im Monat August geerntet, wenn sich die Kappen in voller Pracht befanden. Nur junge Mädchen durften den Pilz sammeln und trocknen. Bei den Korjaken wurde der Pilz niemals frisch verzehrt, sondern nur im getrockneten Zustand. Dem frischen Pilz wurden stärkere toxische Effekte zugeschrieben (Dobkin de Rios 1990: 31). Die Verwendung des Pilzes fand bei den verschiedenen Stämmen in unterschiedlichen funktionalen Kontexten statt. Hierzu zählten die Kommunikation mit der übernatürlichen Welt, Divination, schamanische Diagnose der Ursache von Krankheiten, aber auch ein rekreationaler Gebrauch zu festiven Anlässen, etwa bei Hochzeiten (ebd.:32).

Bei den Korjaken herrschte der Glaube, der Fliegenpilz sei mit einer besonderen Kraft in Form von gefährlichen Wesen ausgestattet, die nur durch eine/n SchamanIn kontrolliert werden kann. Der/die SchamanIn stellt den Kontakt zu diesen Wesen bei Nacht in totaler Dunkelheit mittels der Einnahme des Pilzes her. Kehrt der/die SchamanIn aus der Trance zurück, gibt er/sie seine Visionen an die ihn umgebenden Stammesmitglieder weiter, denen er dann bspw. berichtet, er habe die toten Ahnen in der Geisterwelt getroffen, und bestimmte, für den Stamm relevante Instruktionen von ihnen erhalten. Bei den Korjaken ist der Gebrauch von Amanita muscaria nicht allein auf den/die SchamanIn beschränkt, sondern jeder kann ihn zu sich nehmen, um etwa eine Krankheitsursache zu erkennen, einen Traum zu entschlüsseln, oder um bestimmte Aspekte der Anderswelt kennenzulernen. Es herrscht weiterhin der Glaube, daß eine Person, die sich in einer Fliegenpilzekstase befindet, sich so verhält, wie es die in der Pflanze residierenden Geister anweisen.

 

Die Tschuktschen glauben, daß die Pilze einen eigenen Stamm konstituieren. Der vom Pilz Berauschte erfährt Visionen von anthropomorphen Wesen, die Personifizierungen der Pilze darstellen. Es erscheinen genauso viele Pilz-Menschen, wie Pilze verzehrt wurden. Von diesen Entitäten berichten die Tschuktschen, daß sie von ihnen auf eine Reise um die Welt mitgenommen werden. Diese Reise führt auf verwickelten Wegen sowohl durch die reale, grobstoffliche als auch durch die Geisterwelt, das Reich der Toten. Der Forscher Borogas erhielt von einem Informanten eine Zeichnung eines solchen Geisterpfades. Auf der Darstellung waren die von den Pilzgeistern zurückgelegten Wege alle durch sich schlängelnde und gewundene Linien dargestellt, während gerade Linien wohlerwogen von den Köpfen der Geister ausgehend gezeichnet wurden. Devereux (1997:66) führt an, daß gerade Linien universell mit dem Motiv des Seelenflugs assoziiert werden. Ähnliche Felszeichnungen der südafrikanischen Buschmänner sind als Ausdruck der Empfindung gedeutet worden, den Körper durch den Scheitelpunkt des Kopfes zu verlassen. Bemerkenswert ist auch die Analogie zu den in Algerien gefundenen Felsmalereien

Die Samojeden sammeln den Pilz, wenn er zu vollen Größe erwachsen ist, und auch hier wird er vor dem Verzehr getrocknet. Die Pilzgeister haben die Macht, einen Menschen zu töten, sollte er in Ungnade bei ihnen fallen. Die Samojeden berichten ebenfalls von anthropomorphen Entitäten, die in der Pilztrance erscheinen und plötzlich auf "dem Weg, den die Sonne bereist, nachdem sie am Abend untergegangen ist", davon laufen. Die berauschte Person, die den Geistern folgen kann, bekommt Antwort auf ihre Fragen, zum Beispiel ob sie in der Lage sein wird, einen Menschen zu heilen. Später singt die Person von den Erlebnissen in der Pilztrance. Musik spielte auch eine wichtige Rolle in den Pilzritualen der Vasyuganen.

Bei den Ostjaken existieren verschiedene Arten von Pilzzeremonien. In einer Variante wird zunächst eine Hütte mit dem Rauch einer harzigen Baumrinde rituell gereinigt. Dann nimmt der/die SchamanIn drei bis sieben Amanita Kappen zu sich, nachdem er bereits den ganzen Tag gefastet hat. Der/die SchamanIn fällt für kurze Zeit in Schlaf, bevor er sich schreiend erhebt, um mit seinem vor Erregung zitternden Körper umherzulaufen und zu verkünden, was ihm die Geister offenbaren, z. B. welcher Geist besänftigt werden muß, wie Glück herbeigeführt werden kann etc. .

Gordon Wasson schätzt das Alter des Fliegenpilzgebrauchs in Sibirien auf etwa 8000 v. Chr. Mit dem Ende der letzten Eiszeit verbreiteten sich Birken und Kiefern auf den sibirischen Ebenen, nachdem sich die Eiskappen zurückgezogen hatten. Der Fliegenpilz geht mit diesen beiden Bäumen eine symbiotische Beziehung ein, und erscheint immer im Gefolge dieser Bäume. Wasson führt weiterhin linguistische Hinweise an, die auf einen Gebrauch des Fliegenpilzes bis zurück in die protouralische Periode um 4000 v. Chr. deuten. Er stützt sich dabei auf die Tatsache, daß die uralischen Stämme im Zusammenhang mit dem Fliegenpilz und schamanischem Handeln Worte mit demgleichen Stamm pan benutzen. Dieser Wortstamm geht auf die Zeit vor der Differenzierung der finnisch-ugrischen und samjedischen Sprachen zurück. In dieser protouralischen Zeit lebten die uralischen Stämme vermutlich noch zusammen, und die Existenz eines gemeinsamen Wortes für den Fliegenpilz läßt daher hypothetische Rückschlüsse auf das Alter der Bezeichnung zu.

Im Gegensatz dazu sah Mircea Eliade im Gebrauch von Amanita muscaria eine Degeneration der ursprünglichen Ekstasetechniken der sibirischen SchamanInnen. Vom hohen Alter des Amanita-Kults in Sibirien legen jedoch in den sechziger Jahren am Pegtymel Fluß im Stammesgebiet der Tschuktschen entdeckte Petroglyphen Zeugnis ab. Diese Petroglyphen zeigen verschiedene Tiere und viele amanitaförmige Pilze zusammen mit figürlichen, vorwiegend weiblichen, Pilzdarstellungen. Der russische Archäologe N.N. Dikov datiert die Felszeichnungen auf die frühe Bronzezeit um 1000 v Chr. . Ähnliche an anderen Orten in Sibirien gefundene Zeichnungen sind von anderen Archäologen ebenfalls in diese Zeit datiert worden.


Copyright 1999 Silvio Rohde

 

 

 

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