LSD | Psychedelische Drogen | Wirkung | Spiritualität

 Psychedelische LSD-Psychotherapie: Stanislav Grofs Topographie des Unbewußten

 

Der tschechische Psychiater und Psychotherapeut Stanislav Grof hat über fast dreißig Jahre klinische Studien mit der psychoaktiven Substanz LSD betrieben, und dabei mehr als 3.000 Einzelsitzungen mit LSD betreut. Dabei traf Grof auf konstante Verläufe des Erlebens unter dem Einfluß von LSD, die sich der Struktur nach bei fast allen Patienten früher oder später in der LSD-Therapie einstellten.

Abstrakte und ästhetische Erfahrungen in LSD-Sitzungen

In den Anfangsstadien des LSD-Experiments setzt meist eine deutliche Belebung des Gesichtsfeldes ein. Farbenprächtige Flecken, die ihre Form verändern und periodisch in ihre Komplementärfarben übergehen, erscheinen. Typisch sind die so genannten eidetischen Nachbilder. Wird ein Gegenstand angesehen und schließt die Testperson dann die Augen, kann ein deutliches Bild dieses Gegenstandes bis zu einigen Minuten lang anhalten. Häufig werden abstrakte geometrische Formen oder Architekturmuster gesehen, die dynamischen Farbveränderungen unterliegen. Diese Phänomene werden subjektiv als Innenräume gigantischer Tempel oder Kirchenschiffe gotischer Kathedralen beschrieben, oder auch mit Gemälden abstrakter Maler verglichen. Vielfach reden die Versuchspersonen von phänomenalen kaleidoskopischen Schauspielen, magisch funkelnden Fontänen, Wasserspielen oder gewaltigen Feuerwerken.

Nicht selten kommt es zu dem Effekt, daß bestimmte Sinneswahrnehmungen Reaktionen in nicht diesem Sinnesbereich entsprechenden Rezeptoren hervorrufen. Es kommt dann zum Sehen von akustischen Reizen oder Schmecken von Farben. Dieser Effekt wird als Synästhesie bezeichnet. Die Umwelt wird häufig als magisch oder märchenhaft verändert beschrieben.

 

Grof glaubt, beobachten zu können, daß die ästhetischen Erfahrungen die oberflächlichste Ebene der LSD- Erfahrung darstellen. Sie haben meist keinen direkten Bezug zum Unbewußten der betreffenden Person und keine psychodynamische Signifikanz. Wahrscheinlich wird ein wesentlicher Teil dieser Erfahrungen durch eine chemische Stimulation der Sinnesorgane hervorgerufen, und ist somit also physiologisch zu erklären. Viele der beschriebenen Charakteristika lassen sich auch auf mechanischem Wege durch Druck auf den Augapfel oder durch elektrische Stimulierung der optischen Bahnen auslösen. Auch durch systematische elektrische Reizung bestimmter Areale der Hirnrinde können eine Vielzahl von Lichtmustern die durch psychedelische Substanzen hervorgerufen werden simuliert werden.

Die Ebene der psychodynamischen Erfahrungen in LSD-Sitzungen


Diese zweite Ebene des Erlebens unter LSD- Einfluß enthält Erfahrungen die dem individuellen Unbewußten der Persönlichkeit entspringen. Diese Erfahrungen lassen sich im wesentlichen mit Theorie und Begriffssystem der Freudschen Psychoanalyse erfassen. Zu dieser Gruppe von Erfahrungen gehört das Wiedererleben von emotional bedeutsamen Erinnerungen aus verschiedenen Phasen der Lebensgeschichte sowie symbolische Neukombinationen und Variationen dieser biographischen Erinnerungen. Es werden Regressionen in die Kindheit erfahren, sogar bis in die Säuglingszeit, mannigfaltige psychosexuelle Traumata und komplexe Gefühle die mit der infantilen Sexualität zusammenhängen, werden wiedererlebt. Konflikte die mit den verschiedenen libidinösen Zonen zusammenhängen müssen gelöst werden und Themen wie Ödipus und Elektrakomplex tauchen auf. Die psychosexuelle Dynamik wie sie von Freud beschrieben wird tritt in Erscheinung, auch bei in dieser Hinsicht naiven Probanden, die in keiner Weise mit der Theorie der Psychoanalyse vertraut sind, und in der Vergangenheit keinerlei Kontakt mit der psychoanalytischen Doktrin hatten.

 

Grof macht die Entdeckung von der Existenz bestimmter Erinnerungskonstellationen, die er COEX-Systeme nennt (Systems of condensed experience). Erinnerungen die zu einem bestimmten COEX- System gehören, haben ein ähnliches Grundthema und sind mit emotionaler Energie der gleichen Qualität besetzt. Dabei besteht solch eine System aus verschiedenen Ebenen, die verschiedenen Lebensabschnitten und Erfahrungen entsprechen die in diesem Lebensabschnitt zu dem Thema des COEX-Systems gemacht wurden. Ein häufiges Motiv sind zum Beispiel Erinnerungen an demütigende und erniedrigende Situationen oder Erinnerungen an Ereignisse, die mit emotionaler Zurückweisung zutun haben. Besonders schwerwiegend sind COEX-Systeme, in denen Situationen der Bedrohung von Überleben, Gesundheit und Unversehrtheit des Körpers abgelegt sind. Es gibt natürlich auch positiv belegte Systeme, in denen Erinnerungen an erfreuliche emotionale Erlebnisse verdichtet sind.

Die einzelnen COEX-Systeme haben Einfluß darauf wie eine Person sich selbst und die Welt um sich herum wahrnimmt, sie färben ihre Gefühle und Vorstellungen und beeinflußen somatische Prozesse. Das Wiedererleben von Themen der Erinnerungskonstellationen hebt deren Einfluß auf das Individuum auf, so daß früher oder später in der LSD- Psychotherapie die Elemente von Themen des individuellen Unbewußten verschwinden und die Versuchspersonen dann Erfahrungen die eine perinatale Phänomenologie aufweisen durchleben.

 

Perinatale Erfahrungen in LSD-Sitzungen

Die nächste Klasse von Erfahrungen, welche im Verlauf einer Therapie mit LSD gemacht werden, hat Themen und Motive der biologischen Geburt, aber auch von Sterben, Tod und Vergänglichkeit zum Inhalt. Die Begegnung mit diesen Aspekten der menschlichen Existenz und die Erkenntnis des endlichen Daseins des biologischen Körpers, wird zunächst als qualvoll erlebt und ist von existentiellen Krisen begleitet. Die Begegnung mit dem Tod findet nicht nur symbolisch statt, sondern auf der Ebene unmittelbarer Betroffenheit. Visionen von sterbenden Menschen, verwesenden Leichnamen, von Friedhöfen, Särgen und Leichenzügen treten als Illustrationen der Todeserlebnisse auf. Gefühlsmäßig wird die Äußerste biologische Krise empfunden, und die Testpersonen verwechseln diese Erfahrungen mit dem tatsächlichen Sterben. Der Einfluß der Medizin auf das Erleben wird nicht selten einfach vergessen oder ignoriert.

Für den objektiven Betrachter befinden sich die Versuchspersonen häufig stundenlang im Zustand heftigster Schmerzen mit Gesichtszuckungen, keuchendem Atemringen begleitet von Entladungen ungeheurer Muskelspannungen und Zuckungen aller Art. Schüttelanfälle treten auf, die Gesichtsfarbe färbt sich dunkelrot oder totenbleich, der Puls ist extrem beschleunigt oder sehr schwach, häufig wird heftig erbrochen. Diese Erscheinungen verweisen auf einen möglichen Zusammenhang mit der tatsächlichen biologischen Geburt der Versuchspersonen, und Überprüfungen von realen Geburtsverläufen ergaben nicht selten Übereinstimmungen mit den unter LSD zutage tretenden Symptomen. Keines dieser körperlichen Symptome unter LSD geht auf die pharmakologische Wirkung der Substanz  zurück.

Transpersonale Erfahrungen in der LSD-Therapie

Transpersonale Erfahrungen treten auf, wenn der Patient in fortgeschrittenen LSD-Sitzungen Material, das auf der psychodynamischen oder perinatalen Ebene auftaucht, durchgearbeitet und integriert hat. Nach der Erfahrung von Tod und Wiedergeburt beherrschen die persönlichkeitsüberschreitenden Erfahrungen die Wahrnehmung. Ahnen-Erfahrungen, phylogenetische, d.h. evolutionsgeschichtliche Erfahrungen, Hellsehen, Hellhören und dergleichen wird von den Versuchspersonen berichtet. Identifikationen mit Tieren und Pflanzen, ein Gefühl der Einheit mit dem Leben und der Schöpfung, Bewußtsein nicht-organischer Materie, planetarisches Bewußtsein und "Out-of-body"- Erfahrungen sowie telepathische Phänomene treten in Erscheinung. Weiterhin glauben die Patienten Begegnungen mit übernatürlichen Wesenheiten oder Bewohnern von anderen Universen zu erleben. Religiöse Motive und mythologische Sequenzen sind zentrale Inhalte transpersonaler Erfahrungen. Diese Erfahrungen haben einen starken Einfluß auf die Wertbegriffe, Einstellungen und Interessen der entsprechenden Patienten. Tiefe transzendentale Erlebnisse haben einen heilsamen Einfluß auf das psychische und physische Wohlbefinden, und erwecken häufig das Bedürfnis, dem Leben dauerhaft eine spirituelle Dimension hinzuzufügen.

Silvio Rohde  1995

Home Themen Literatur Links News Astralis-Magazine
Entrance Stimmen Kontakt