Die hinduistische Gottheit Ganesha:
Mythologie und Ikonographie (Teil 3)

Noorainij 2001

Der hinduistische Gott Ganesha


 

 

Ikonographie

 

Üblicherweise begegnet Ganesha elefantenköpfig und dickbäuchig. Die Ausmaße seines eher gedrungenen menschlichen Körpers erinnern  an ein männliches Kind oder an ein yaksa (die zwergenhaften Truppen, die die Götter oder deren Schreine bewachen und schützen). Man findet ihn stehend, sitzend oder tanzend dargestellt, wobei er meist zufrieden und freundlich geradeaus schaut. In den meisten Darstellungen fehlt ihm ein Stoßzahn.

    Er wird mit vier, sechs, acht oder mehr Armen dargestellt, in deren Händen er seine verschiedenen Attribute trägt:

gelegentlich hält er den fehlenden Stoßzahn in einer Hand, in einer anderen ein Beil  (parasu), Symbol für das Abtrennen irdischer Illusionen oder falscher Lehre. Des- weiteren hält er häufig einen zum Viehtreiben benutzten Stachelstock (ankusa). Ein solcher wird von Elefantentreibern benutzt, und steht als Symbol für die Logik, die Illusionen durchdringt. Häufig hält er eine Schlinge, mit welcher Elefanten eingefangen werden (pasa), symbolisch für die Beherrschung von Leidenschaften und Wünschen. Eine Hand weist meistens in der Geste (mudra) der Unerschrockenheit und Versicherung (varadahastramudra), und nicht selten findet sich in der Handfläche dieser Hand sein Yantra, ein (rotes) rechtsdrehendes Hakenkreuz (swastika), Symbol der Anfänge, des Übergangs und ferner der Sonne. In einer weiteren Hand hält er eine Schale mit Süßigkeiten oder Reiskuchen         (modaka), die ihm von seinen Verehren als Opfer gereicht wird. Gelegentleich hält er auch eine Muschel (-Trompete). Des weiteren findet man ihn manchmal mit shivaitischen  Emblemen wie dem Trident dargestellt, und seine Zugehörigkeit zum shivaitischen Götterkreis wird kenntlich gemacht durch drei senkrechte Striche auf Stirn oder Bauch sowie dem dritten Stirnauge. Sein runder Bauch ist umwunden von der heiligen Schnur, manchmal als Schlange dargestellt.   Sein Reittier oder Fahrzeug ist eine Ratte, die oftmals, wenn er auf ihr sitzt, unverhältnismässig groß dargestellt wird. Einige wenige Darstellungen zeigen Ganesha zwischen seinen Gattinnen Siddhi (Erfolg) und Buddhi (Intelligenz) sitzend.

    Es finden sich auch Darstellungen Ganeshas mit einem Federkiel auf einem Palmblatt sitzend, da er derjenige gewesen sein soll, der nach dem Diktat des Weisen Vyasa das Mahabharata-Epos niedergeschrieben hat (Keilhauer 1979, S. 114).

Gelegentleich wird er mit fünf Köpfen und auf einem Löwen oder Tiger reitend gezeigt, als der besonders in Nepal populäre Heramba.

 

Mythologie

 

    Die meisten der Ganesha-Mythen finden sich, wie erwähnt, in den Puranas. Hier begegnet er in den allermeisten Fällen als der Sohn Shivas und Parvatis, sowie als Bruder Skandas (tamil.: Murugan). Selten wird er als Inkarnation anderer Gottheiten genannt. Im Satapatha Brahmana gilt er etwa als Inkarnation Krsnas (Courtright). Die Anzahl der Ganesha Mythen ist für eine hinduistische Gottheit  vergleichsweise gering, dennoch können an dieser Stelle nicht alle Mythen im einzelnen berücksichtigt werden, zumal viele von ihnen Variationen zu den Hauptthemen der Ganesha-Mythologie darstellen, nämlich seiner Geburt sowie den Umständen, die ihn in Besitz seines Elefantenkopfes brachten. Ausführlich soll im Folgenden lediglich der Populärste der Geburtsmythen Ganeshas dargestellt, und nur knapp auf dessen verschiedene Variationen eingegangen werden.

     Die vermutlich bekannteste Version der Geburt Ganeshas läßt sich wie folgt zusammenfassen:

Als Shiva einmal für längere Zeit auf dem Berg Kailasa weilt, um sich seinen Meditationen zu widmen, wird seine zu Hause gebliebene Gattin Parvati sehr einsam, und in ihr wächst der Wunsch nach einem Sohn, der sie lieben und an ihrer Tür wachen würde, auf daß sie ungestört ein Bad nehmen könne. So beginnt sie, den Schmutz und die Absonderungen ihrer Haut von ihrem Körper zu reiben. Aus dieser Substanz formt sie einen jungen Mann, den sie durch Einhauchung ihres Atems zum Leben erweckt. Sie befiehlt ihm, an der Tür zu ihrem Bad zu wachen, und niemanden einzulassen. Während sie ihr Bad genießt und der junge Mann an der Tür ausharrt, kehrt jedoch Shiva heim, der sogleich Anstalten macht, das Bad zu betreten. Der junge Mann tut, wie ihm befohlen, und versperrt dem Eindringling den Weg. Shiva gerät in Zorn, daß ihm der Eintritt zu seinem eigenen Haus von diesem Fremden verwehrt wird, und zwischen den beiden entbrennt zunächst ein Streit, schließlich ein Kampf, den Shiva beendet, in dem er mit seinem Dreizack den Fremden den Kopf abtrennt. Parvati, die den Lärm vor ihrer Tür bemerkt, kommt heraus und als sie sieht, was ihr Gatte getan hat, wird sie von Schmerz und Zorn erfaßt. Sie befiehlt Shiva, den Kopf ihres Sohnes zu ersetzen, ansonsten würde sie das Universum zerstören. So sendet Shiva seine Diener nach Norden aus, wo sie das erste Lebewesen, das ihnen begegnet des Kopfes berauben und diesen zurückbringen sollen. Da dieses erste Lebewesen ein Elefant ist, kehren sie nach einiger Zeit mit dessen Haupt zurück. Als man diesen auf die Schultern von Parvatis Sohn setzt, erwacht er wieder zum Leben. Shiva preist den Wiedergeborenen, macht ihn zum Herr seiner Anhängerschar (ganas) und gibt ihm den Namen Ganesha. Er adoptiert ihn und teilt allen Göttern und Göttinnen mit, daß sein junger "Stiefsohn" von nun an zu Beginn eines jeden Unterfangens verehrt werden müsse, oder diese würde scheitern. Von da an gilt Ganesha der Herr der Hindernisse, der jenen Erfolg und Heil bringt, die ihn preisen, und Hindernisse in die Wege derer legt, die ihm seine Verehrung verweigern.

      Von diesem Mythos finden sich zahlreiche Variationen in verschiedenen puranischen Quellen, von denen manche bestimmte Elemente hervorheben, die in wieder anderen gar keine Erwähnung finden. Das Siva Purana erklärt die abweichenden Versionen der Ganesha Geburt, die alle gleichermaßen Gültigkeit besitzen, mit der Unterschiedlichkeit der Zeitalter (kalpas), in denen sie sich zwangsläufig unterscheiden.

    Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von weiteren Mythen, die die Umstände der Geburt Ganeshas ganz anders schildern. So kommt es in manchen Mythen gar nicht erst zu einer Köpfung: im Brahmavaivarta Purana wird der neugeborene Ganesha, zunächst in menschlicher Gestalt, durch den unheilvollen Blick Shanis, des Saturngottes, in einen elefantenköpfigen Zwerg verwandelt, da Shanis Blick alles zerstört. (Courtright, S.71f). Im Varaha Purana, in dem Ganesha zunächst als wunderschöner Jüngling begegnet, ist es die Eifersucht Sivas (manchmal Parvatis), die ihn mit dem Fluch belegt, häßlich zu sein (Courtright, S.46ff). In einem bei Courtright genannten, südindischem Mythos verwandeln sich Siva und Parvati in Elefanten, da sie sich daran erfreuen, in Elefantengestalt einen Liebesakt zu vollziehen, und Ganesha wird hier bereits mit seinem Elefantenkopf geboren  (Courtright, S. 31). In wieder anderen Mythen ist es Parvati allein, die ihren Sohn und Wächter ohne Zutun Sivas aus dem Schmutz ihrer Haut formt, gelegentlich mit der Unterstützung Skandas (Murugans) (Skanda Purana, Courtright, S.33)[1].

    Das gemeinsame all dieser Mythen ist wohl, daß Ganesha nie durch einen geschlechtlichen Zeugungsakt zwischen Shiva und Parvati in menschlicher Form erschaffen wird. Entweder sie verwandeln sich selbst in Elefanten, oder aber, die häufigere Variante, er wird aus den Schuppen und dem Schmutz, den Parvati sich mit parfümierten Ölen von ihrer Haut reibt, geformt.

Neben den Geburtsmythen Ganeshas gibt es eine Vielzahl von Mythen, die das Leben des erwachsenen Ganesha beschreiben. Einige beschreiben ausführlich die Mißgeschicke derer, die die Verehrung des Gottes vergaßen. So berichtet das Ganesha Purana (Courtright, S. 153), wie der Weise Vyasa, der Ganesha das Mahabaratha-Epos diktierte, keine zusammenhängenden Sätze mehr zustande bringt, nachdem er die Verehrung Ganeshas zu Beginn der Verse unterließ. Abschließend sollen noch zwei Mythen dargestellt werden, die starke Assoziationen zur Verehrung des Gottes aufweisen.

    Im Siva Purana wird folgendes berichtet (Courtright, S. 123 f.): Einst stellten Shiva und Parvati  ihren Söhnen Ganesha und Murugan die Aufgabe, einmal die gesamte Welt zu umrunden. Demjenigen der Söhne, der dies als erster vollbringt, verheißen sie als Belohnung die Hochzeit mit Siddhi und Buddhi, den Töchtern Prajapatis. Während Murugan sich sofort aufmacht, die Welt tatsächlich zu umrunden, verbleibt Ganesha zu Hause und zirkumambuliert statt dessen seine Eltern sieben Mal. Hinterher erklärt er ihnen, daß in den Sastras und Vedas geschrieben steht, daß demjenigen, der seine Eltern umrundet und preist, derselbe Verdienst zukommt wie jenem, der die ganze Welt umrundet. Seine Eltern können gegen diese geschickte Auslegung nichts einwenden, und so wird Ganesha verheiratet. Variationen dieses Mythos, die sich ebenfalls in verschiedenen puranischen Quellen finden (Courtright, S.124ff), nennen anstelle der Töchter Prajapatis als Belohnung Mangos oder auch die von Ganesha so geliebte Süßspeise Modaka[2]. Aus diesem Mythos folgt nicht nur das ambivalente Verhältnis der Brüder Ganesha und Murugan, denn Murugan fühlt sich verständlicherweise ausgetrickst. Außerdem wird hier anschaulich die unterschiedliche Natur beider Brüder verdeutlicht, welche sich auch in deren Verehrung niederschlägt: Murugan geht als Held den Pilgerweg der Entsagung, während Ganesha den Bhaktiweg der hingebungsvollen Verehrung (seiner Eltern) wählt.

    Ein weiterer, eng mit dem größten kalendrischen Fest Ganeshas verbundener Mythos, der sich im Skanda Purana findet (Courtright, S. 169), berichtet von der besonderen Beziehung des Gottes mit dem Mond: Am vierten Tag des zunehmenden Mondes stolpert Ganesha auf seinem Heimweg, nachdem er den ganzen Tag über mit Verehrungen und Speiseopfern bedacht wurde. Bei dem Sturz platzt sein mit Modakas gefüllter Bauch auf. Der Mond, einziger Zeuge dieses Mißgeschicks, beginnt laut zu lachen, was den Gott so zornig macht, daß er ihn nicht nur zum Zu- und Abnehmen verflucht, sondern seinen Fluch auch auf all jene erstreckt, die den Mond anschauen. Über sie soll der Fluch falscher Nachrede und Anschuldigung kommen. Bald klagen Menschen und Götter darüber, daß sie nicht länger den Mond anschauen dürfen, und bitten Ganesha, seinen Fluch aufzuheben. Der Gott gibt daraufhin Anweisungen, wie er mit Blumen, Speisen, Geschichten und Kleidern verehrt zu werden wünscht, und zwar am vierten Tag der hellen Monatshälfte des zunehmenden Mondes (suklapaksa). Dieser Tag wird fortan Vinayakacaturthi genannt, während der vierte Tag der dunklen Monatshälfte (krsnapaksa) Samkastacaturthi genannt wird, und dem Fasten zu Ehren des Gottes vorbehalten ist. Nachdem Ganesha in dieser Weise verehrt wurde, und der Mond selber sich für sein arrogantes Verhalten entschuldigt hat, modifiziert Ganesha seinen Fluch, der fortan nur noch am Vinayakacaturthi des Monats Bhadarapada gilt. 

 

 

 

 

Die Verehrung Ganeshas

 

    Die Verehrung Ganeshas ist aufs engste verbunden mit seiner religiösen "Funktion" und Rolle als Herr der Anfänge und Überwinder von Hindernissen. Diese macht  seine Verehrung zum festen Bestandteil einer jeden Puja, und sichert ihm, verglichen auch mit anderen Gottheiten, ein besonders hohes Maß an ritueller Aufmerksamkeit zu. Eine Andacht zu Ehren  Ganeshas am Anfang der Puja ist unerläßlich, dadurch weist der Gott eine gewisse Allgegenwart im hinduistischen Ritualismus auf, doch gibt es darüber hinaus viele Anlässe, zu denen Ganesha allein im Zentrum der Verehrung steht. Die Formen seiner Verehrung umfassen dabei, im persönlichen Rahmen, Gebet, Mantras, Gesten (mudras) und vielerlei Opfergaben und Geschenke an den Gott, im größeren Rahmen werden Feste (upacara), eigene Pujas oder kalendrische Riten zu Ehren des Gottes begangen.

    In Lebenszyklusritualen oder Hochzeiten wird der Segen des Gottes für den neuen Lebensabschnitt erbeten; bei Hochzeitszeremonien z.B. malen sich die Braut und die anwesenden Frauen mit roter Farbe sein Hakenkreuzyantra in die Handfläche. Im Morgengrauen stimmen Gläubige Ganesha-Hymnen an, um den anbrechenden Tag unter den Schutz Ganeshas zu stellen. Auch mit dem kurzen Mantra "OM Sri Ganesaya Namah" ("Hommage an Gott Ganesha"), ausgesprochen oder nieder-geschrieben von Einzelnen auch außerhalb eines rituellen Kontextes, wird Ganesha Ehre erwiesen und um sein Heil gebeten. Schulkinder schreiben es auf ihre Klassenarbeiten, auch findet es sich oftmals als Widmung am Anfang von Büchern, die sowohl Unterhaltungsromane wie auch große Epen von Dichterheiligen umfassen.

Ob im Zusammenhang individueller oder kollektiver Andachten Ganeshas, immer findet die Bhakti-Religiosität in seiner Verehrung große Betonung. Umfangreiche Opfer von Speisen, vor allem Mangos und Süßspeisen sind zentral in der Verehrung des Gottes, was z.T. aus verschiedenen Mythen erhellt. So ist der Gott etwa im Mango-Mythos (s.o) selber der ideale Bhakta, der auf dem Weg der Bhakti-Frömmigkeit seinen Helden-Bruder Murugan überlistet, und sich die Mango verdient. Das Darreichen von Mangos an Ganesha geht auf diesen Mythos zurück, in anderen Mythen fordert der Gott selber für seine Verehrung die Opferung von Speisen und anderen Geschenken (Courtright, S. 170). Auch persönliche Gelübde (vrata), die Ganesha abgelegt werden, beinhalten die Opferung von Speisen, nachdem der Gläubige gefastet hat. Ein Mythos, der mit diesem speziellen Gelübde verbunden ist, schildert, wie Siva erst nachdem er Ganesha durch Fasten und Speiseopfer verehrt hatte, in einer Schlacht den bösartigen Dämon Taraka bezwingen konnte (Courtright, S. 168).

 

Auch das größte kalendrische Ganesha-Fest, Vinayaka / Ganesha-Caturthi,  (= "Ganeshas Vierter") geht auf einen Mythos zurück. In Indien wird traditionell am vierten Tag des Mondmonats Bhadrapada (entspricht August/September) ein großes Fest mit Prozessionen zu Ehren Ganeshas zelebriert. Dieser Tag ist, nach dem Mythos über Ganeshas Zwist mit dem Mond (s.o.) der Verehrung Ganeshas vorbehalten. Vielfach wird auch geglaubt, dieser wäre der Geburtstag des Gottes. In Ganeshas Assoziation mit dem Mond ist besonders deutlich das ambivalente Wesen des Gottes angesprochen. Es herrscht traditionell der Glaube, daß in einem Mondzyklus die helle Hälfte besonders glückverheißend und günstig sei, während in der dunklen Hälfte vielerlei Gefahren und Unglück lauern. So wird Ganesha am vierten Tag der hellen Hälfte (vinayakacaturthi) als erfolgsbringender, hilfreicher Patron und Überwinder von Hindernissen verehrt und gelobt. Am vierten Tag der dunklen Monatshälfte (samkastacaturthi) hingegen besitzt die Verehrung des Gottes einen beinahe besänftigenden Charakter. An diesem Tag wird vielfach gefastet, und dem Gott werden zahlreiche Opfer dargeboten, auf daß er keine zusätzlichen Hindernisse erschaffe.


 

[1] Hier kommt nicht nur mythologisch die Unabhängigkeit Parvatis von Shiva zum Ausdruck, auch historisch sind sie in einer Zeit entstanden, in der Parvati bereits als eigenständige Göttin verehrt wurde.

[2] Interessant und anmerkungswert ist in diesem Zusammenhang die Erklärung Parvatis, nach der diesen Speisen, die eine wichtige Rolle in der Verehrung Ganeshas spielen, dieselben Eigenschaften zukommen wie Soma, dem Göttlichen Elixier.


 

 

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