Die hinduistische Gottheit Ganesha

Noorainij 2001

Ganesha


Einleitung

 

      Mit der vorliegenden  Arbeit soll die hinduistische Gottheit Ganesha vorgestellt werden. Ganesha gilt unter den Legionen hinduistischer Gottheiten als eine der weltweit populärsten, und er ist mit seinem Elefantengesicht und dem dicken Bauch auch für Nicht-Hindus leicht zu identifizieren. Hierzulande zieren Abbildungen von ihm zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher zum Hinduismus oder Indien, auch wenn diese sich nicht oder nur am Rande mit Ganesha auseinandersetzen. In seinem Heimatland Indien ist er geradezu omnipräsent: Statuen oder bunte Bilder sowie seine Symbole hüten nicht nur die Eingänge zu Tempeln, sondern auch zu Supermärkten oder Wohnhäusern, sein Segen wird ebenso im Ritual erbeten, wenn der Gläubige in einen neuen Lebensabschnitt eintritt, wie auch beim Besteigen von Zügen oder Bussen.  Ihm allein gebührt unter der Vielzahl hinduistischer Gottheiten die besondere Ehre, einen festen Platz in einer jeden religiösen Andacht zu haben, zu deren Beginn immer zuerst Ganesha verehrt wird.

 

 

 

            Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit den Eigenschaften, der Herkunft, Ikonographie, Mythologie und der Verehrung dieses seltsamen Gottes, der sich größter Beliebtheit erfreut, auch wenn er jünger ist als andere hinduistische  Götter und Göttinnen, und im Gegensatz zu den meisten von ihnen keine nachweisbaren vedischen Wurzeln vorzuweisen hat.

 

             Auch in Deutschland hält Ganesha neben vielen anderen hinduistischen Gottheiten zunehmend Einzug. Hier wurden seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts 25 hindu-tamilische Tempel eingerichtet, die den verschiedenen Gottheiten gleichsam als Heimstätte und Behausung dienen, als permanente Herberge ihres Segens und ihrer Güte. Es herrscht eine lebendige religiöse Praxis, eine hinduistische Gottheit will schließlich zweimal täglich rituell bedient werden und erfreut sich auch an ihr zu Ehren veranstalteten Festen. Gegenstand des Teil III dieser Arbeit sind daher eigene Beobachtungen der verschiedenen Formen der Verehrung und Repräsentation, die Ganesha hierzulande erfährt, sowie deren traditionelle Bezüge.

             Hier kann leider nur ein kleiner Ausschnitt weniger Hindu-Tempel im norddeutschen Raum beleuchtet werden. Dennoch hoffe ich, mit dieser Arbeit, zu Zeiten einer zunehmenden religiös-kulturellen Pluralisierung der Gesellschaft, einen kleinen Beitrag zum Verständnis einer noch fremden Religion zu leisten, die, wie der Hinduismus, in Deutschland durch mehr als 60.000 Menschen repräsentiert wird.

 

I. Grundzüge hinduistischer Religiosität

 

            Die Vielgestaltigkeit und Komplexität des Hinduismus erlauben es nicht, diesen im Rahmen einer 23-seitigen Arbeit erschöpfend und umfassend darzustellen. Als Grundlage für die folgenden Ausführungen möchte ich dennoch kurz auf die rituelle Praxis und bestimmte Aspekte der Religiosität eingehen, auf die man bei der Begegnung mit dem Hinduismus immer wieder trifft. Ich möchte mich hier auf die Darstellung des Rituals der Puja beschränken, welche von A. Michaels als der "Mittelpunkt der Hindu-Religionen" (Michaels, S. 266) aufgefaßt wird. Vorab möchte ich jedoch ein wenig auf die Religiosität und Gottesbegegnung eingehen, wie sie in der Bhakti-Frömmigkeit anzutreffen ist. Die Bhakti-Religiosität stellt zwar, neben z.B. Yoga/Spiritualismus und Heroismus nur einen der zahlreichen Heilswege dar, mit denen der Hindu die Begegnung mit seinen Göttern sucht und nach der Befreiung (moksha) aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (samsara) trachtet. Jedoch ist die Bhakti-Religiosität für den Kontext dieser Arbeit daher von besonderer Relevanz, da sie vor allem in südindischen Formen der Religiosität zum Tragen kommt, und auch in der Verehrung Ganeshas besondere Betonung erfährt.

 

Bhakti

 

            Bhakti wird charakterisiert durch die völlige Hingabe an einen, zumeist persönlichen Hochgott, dem sich der Gläubige (bhakta) in einer Art Liebesverhältnis verbunden fühlt. Diesem unterwirft sich der Gläubige in  Hingabe und Liebe, die bis zur Selbstaufgabe (tyaga) reicht. Zur Begegnung mit ihm bedarf es nicht unbedingt der Vermittlung eines Priesters, tatsächlich wendeten sich sogar nicht wenige Strömungen der Bhakti-Bewegung gegen Tempelverehrungen usw. denn "nicht einmal ein Priester soll zwischen den einzelnen und Shiva treten" (Michaels, S.280). Die Bhakti-Hingabe durchzieht hingegen das ganze, auch alltägliche Leben des Gläubigen, das Wirken und Wesen der Gottheit wird verkörpert gesehen auch in den weltlichsten Begebenheiten und Dingen. Jede der Handlungen des Bhaktas ist Ausdruck der Verehrung des Gottes, die häufig von personalem Charakter ist: an ihn wendet sich der Gläubige, um Schutz, Trost, Segen, Gnade zu erbitten, und auch um ihm zu danken und ihn zu preisen. Der Gott soll "erfreut" werden. Zu diesem Zweck werden ihm kleine Opfergaben dargebracht, wie Blumen, Speisen und Worte.

            Ihren Ursprung hatte die Bhakti-Bewegung im 7. Jhd. in Südindien, von wo sie sich allmählich auch ab dem 12. Jhd. in den Norden verbreitete. Michaels nimmt an, daß gerade die Bhakti-Bewegungen als "genuiner Beitrag Südindiens zu den Hindu-Religionen" (Michaels, S. 278) aufgefaßt werden können. Dabei stellt Bhakti in der Praxis keineswegs ein klar umgrenztes System dar, das andere Strömungen hinduistischer Religiosität ausschließen würde. Im Gegenteil tritt es sehr häufig vermischt mit weiteren traditionellen Formen der religiösen Praxis auf, etwa Yoga und Askese. Bhakti äußert sich nicht allein in individueller religiöser Praxis, wie etwa dem persönlichen Gebet, Gesten (mudras), oder Silben (mantras). Starke devotionalistische Aspekte weist, neben Akten des gemeinschaftlichem Singens, Rezitierens, öffentlichen rituellen Zeremonien und Festen auch das Ritual der Puja auf, dessen klassischen Ablauf ich nun schildern möchte.

 

 

 

Puja

 

            Puja bezeichnet eine Reihe von Respekterweisungen (upacara) gegenüber der Gottheit, die zumeist in einem fest vorgegebenem Rahmen vollzogen werden. Sie wird vor allem in Tempeln durchgeführt, jedoch sind auch Heimpujas verbreitet, in denen die Gottheit auf dem heimischen Altar verehrt wird. Eine Heimpuja gleicht in ihren Abläufen im wesentlichen der Tempelpuja; während bei der Heimpuja jedoch die Gottheit quasi als Gast betrachtet wird, der vorübergehend im betreffenden Haushalt verweilt, gilt sie im Tempel als permanent anwesend: der Tempel ist ihre Heimstätte, in der sie dann auch zweimal täglich, morgens und abends, von einem Priester versorgt werden muß. Ein Tempel ist zumeist einer Gottheit geweiht, in der Regel finden sich jedoch in jedem Tempel Murtis (= die Gottheit verkörpende Statuen) weiterer Götter. Der Ablauf einer Puja wird durch verschiedene Texte, z.B. die Samhitas vorgegeben, doch kommt es durchaus,  je nach Schule und Tradition, zu Variationen bezüglich der Länge und der Durchführung. Das Zentrum der Puja besteht dennoch zumeist in verschiedenen Opfergaben, die der Gottheit dargeboten werden, etwa Blumen, Kampfer, geweihtes Wasser, Früchte, auch Worte; sie wird stets beschenkt, bewirtet und gepriesen[1]. Das Besondere einer Puja ist, im Vergleich etwa mit dem christlichen Gottesdienst, daß sie für die Gottheit vollzogen wird, sie richtet sich an keine Gemeinde und die Anwesenheit von Glaübigen im Tempel ist keinesfalls Bedingung. Jedoch stellt die Puja für hinzutretende Gläubige eine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme und Begegnung mit der durch die Invokationen und verschiedenen Respekterweisungen lebendigen Gottheit dar. Der Kontakt zu ihr wird dabei nicht nur innerlich, durch das stille Mitvollziehen der Verehrungen, hergestellt, sondern auch auf materieller Ebene, wo er durch äußere und konkrete Handlungen gesucht wird. So werden etwa die der Gottheit dargebotenen Speisen im Anschluß an die Puja von den Gläubigen verzehrt. Diese Speisen gelten dabei als von der Gottheit geweiht, man nimmt mit dem Verzehr gleichsam die Gunst der Gottheit in sich auf. Auch ist die Handlung des "Licht nehmens" üblich. Dabei streichen die Gläubigen mit beiden Händen über die Flamme des Lichtes (dipa), die der Priester zuvor der Gottheit gereicht hat. Anschließend werden die Hände an die Stirn geführt, wodurch man gleichsam teilhat an der göttlichen Reinheit. Markiert wird diese auch durch das Stirnmal (Tilak), das in Form geweihter Asche, zusammen mit Kurkuma-(Gelbwurz) und Sandelholzpulver, von den Gläubigen selbst oder durch den Priester auf die Stirn aufgetragen wird. Die innigste Verbindung zur Gottheit besteht jedoch für den Gläubigen bei einer Puja in dem Augen-Blick, in dem er von der Gottheit "erblickt" wird. Dieses Ansichtigwerden (darshan) wird von dem Gläubigen gesucht und bedeutet ihm die intimste Nähe zur Gottheit sowie deren Segen und Gnade.

 

            Vielfach werden Pujas auch von einzelnen Gläubigen beim Brahmanen in Auftrag gegeben, der sie gegen Bezahlung im Tempel oder im Heim des Betreffenden durchführt. Die Bezahlung gilt dabei gleichermaßen als Spende und Opfer. Sowohl das in Auftraggeben / Veranstalten sowie die schlichte Teilnahme an einer Puja, das Mitbringen von Opfergaben und Devotionalien beschert den Gläubigen den Schutz und die Gunst der Gottheit, in weltlichen wie in spirituellen Dingen, diese Handlungen können aber auch ganz einfach Ausdruck von Dank und Liebe bedeuten. Auch das religiöse Gelübde (vrata) ist eine verbreitete Form der persönlichen Annäherung an die Gottheit. Der Gläubige erbittet in einem zumeist sehr persönlichen Anliegen die Gunst der Gottheit, wobei er eine bestimmte Handlung als Opfer und als Dank zu tun gelobt. Solche Gelübde scheinen beinahe von "Vertragscharakter", auf einer tieferen Ebene spiegelt sich in ihnen aber auch tiefste Identifikation und Verbundenheit mit der Gottheit, und nicht selten weist deren Durchführung starke Assoziationen zur Mythologie der betreffenden Gottheit auf (s.u.).


 

[1] Michaels nennt 16 Elemente der Puja: zunächst das Aufwecken und Invozieren (avahana) der Gottheit, sowie das Anbieten eines Sitzes (asana). Es folgen eine Reihe von Respekterweisungen, wie sie auch hohen oder königlichen Gästen dargeboten werden: Waschung der Füße (padya), Willkommenheißung (arghya), Mundspülung (acamaniya) und Bad (snana). Anschließend wird die Gottheit angekleidet (vastra), umgürtet (yajnopavita) und gesalbt (gandha). Im Zuge der anschließenden Preisungen wird sie zugleich beschenkt und geschmückt, indem ihr Blumen (puspa), Weihrauch (dhupa), Licht (dipa) und schließlich die Speisung (naivedya) gereicht werden. Es folgen eine weitere Grußerbietung (namaskara), ihre Umkreisung/ Zirkumambulation (pradaksina) und schließlich die “Auflösung“ (visarjana) (Michaels, S.268).


 

 

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