Die hinduistische Gottheit Ganesha: Herkunft, Mythologie, Ikonographie und traditionelle Verehrung   (Teil 2)

Noorainij 2001

Der hinduistische Gott Ganesha


 

 

Wer ist Ganesha?

 

 Die elefantenköpfige Gottheit Ganesha gilt als diejenige der hinduistischen Gottheiten, der die innigste und am meisten verbreitete Verehrung zuteil wird. Er gilt als der Schöpfer von Hindernissen, aber auch als deren Überwinder, der sie auf den Wegen von Göttern, Menschen und Dämonen beseitigt. Er vermag es, negative Einflüsse fernzuhalten und Unternehmungen mit Erfolg zu segnen. Somit wird er von Gläubigen angerufen, wann immer es gilt, Neues zu beginnen. Dieses kann rein weltlicher Natur sein, denn die rechte Verehrung des Gottes sichert den Erfolg in jeder Hinsicht. So bereitet er z.B. Geschäftserfolg, Wohlstand und glückliche Reise. Doch auch und vor allem in religiösen, rituellen Handlungen ist die Verehrung und die Anwesenheit des Gottes unverzichtbar. Kein hinduistischer Gottesdienst (puja) beginnt, ohne daß eingangs Ganesha gepriesen und verehrt würde, er ist die Gottheit, die vor allen anderen angerufen werden muß, da er allein es vermag, negative Einflüsse fernzuhalten. Die Allgegenwart Ganeshas durchzieht ebenso den hinduistischen Alltag, und so finden sich Darstellungen und Symbole des Gottes nicht nur an Eingängen zu Tempeln, sondern auch über den Türen von Lebensmittelgeschäften, sein Bildnis ist auf Teeverpackungen ebenso anzutreffen wie auf dem Familienaltar, Schulkinder schreiben sein Mantra auf ihre Klassenarbeiten, um deren Bestehen zu sichern, er wird ebenso im Taxi angerufen (Michaels), um den sicheren Heimweg zu garantieren, wie im Tempel, um den Gottesdienst rein zu halten. In der Morgendämmerung werden seine Hymnen gesungen, um den neuen Tag zu beginnen, er wird zu Hochzeits- und  Lebenszyklusritualen gepriesen.

In Marathi gilt als Idiom für "einen Anfang machen" der Ausdruck "sriganesa karne", was wörtlich übersetzt bedeutet "Gott Ganesa machen" (Courtright, S.6).

            Er gilt als der Hüter von Schwellen. Diese Schwellen bezeichnen tatsächliche Eingänge an Orten wie Tempeln, Wohnhäusern oder der Zufahrtstrasse zu kleinen Dörfern, wo sich oftmals mit roter Farbe beschmierte Steine finden, die den Gott symbolisieren; zugleich bedeuten sie sinnbildliche Schwellen am Anfang einer neuen Unternehmung, oder aber die unsichtbaren, fließenden Übergänge zwischen göttlicher und irdischer Sphäre oder zwischen Innen und Außen.  Er wird als Gott der Weisheit (Baumann 2000, S. 122), der Wissenschaft, Klugheit und Politik  ebenso verehrt, wie als Fruchtbarkeitsidol ( Keilhauer 1983, S.178 ).

            Unter mindestens 1000 verschiedenen Namen ist er bekannt, von denen nicht wenige einen seiner zahlreichen Aspekte konkretisieren;  Ganapati, Ganadhipa und sein wohl geläufigster Name Ganesha bezeichnen v.a. seine Eigenschaft als Herr über Shivas Scharen (ganas = Scharen, isha = Gott/Herr), er wird aber auch verehrt als Vighnaraja / Vighnesa - der Herr der Hindernisse, Vinayaka / Vinayagar - der Überwinder, Gajanana - der Elefantenköpfige, Ekadanta - der mit dem einen Stoßzahn, Lambodara - der Dickbäuchige, Siddhadata - der Erfolgsbringende. In Südindien ist er v.a. unter seinem tamilischen Namen Pillaiyar bekannt - der Sohn / der junge Elefant.

Mythologisch gehört er als Sohn Shivas und Parvatis dem shivaitischen Götterkreis an. Gemeinhin wird er als wohlmeinende, freundliche, gütige Gottheit aufgefaßt, doch entbehrt  er in seiner Eigenschaft als Herr der Hindernisse nicht einer gewissen Ambivalenz: wird er nicht oder nicht angemessen verehrt, so kann er durchaus Mißerfolg bescheren, in dem er Hindernisse erschafft, und zahlreiche Mythen berichten vom Mißgeschick derer, die seine Verehrung vergessen haben.

Pfaffenberger schreibt, er wäre "the fierce captain of wild elephants. He (...) inflicts severe punishments on any who dare ignore his immanent manifestations" (zit. i. Courtright, S. 7). Seine Verehrung weist nicht selten den Charakter einer Besänftigung auf, wie sie auch Dämonen erfahren, wenn ihnen Speisen als Opfer gereicht werden, damit sie diese nicht den Göttern stehlen und den Gottesdienst stören. A. Keilhauer vermutet, Ganesha wäre "ursprünglich wohl ein Dämon" (Keilhauer 1983, S.178) gewesen. So sind mit seinem Wesen in Gestalt Vinayakars durchaus dämonische Aspekte verbunden. In Texten aus dem 2. Jhd. n. Chr. werden Vinayakas genannt, eine Dämonenschar, die Hindernisse erschaffen, von Menschen Besitz ergreifen und deren rituelle Buße einfordern.

            Dennoch erfreut sich Ganesha großer Beliebtheit. Gleichwohl seine Verehrung unverzichtbar in den Ablauf einer jeden Puja integriert ist, betrachten ihn allerdings nur relativ wenige Hindus als ihre Hauptgottheit (istaveda) (Courtright, S. 163f).

            Verschiedene mögliche Gründe können hier geltend gemacht werden: Zum einen ist seine Göttlichkeit scheinbar vor allem dem weltlichen Wohlergehen gewidmet und er entbehrt somit, wenigstens oberflächlich, der Spiritualität und Mystik, die für viele den Hinduismus kennzeichnen. Ihm fehlen der heroisch-majestätische Aspekt Ramas, die kosmische Macht Sivas sowie dessen Askese, die Erotik und Schönheit Krsnas, Gottheiten, die weitaus häufiger im Zentrum der persönlichen Verehrung einzelner stehen (Courtright, S. 7). Darüberhinaus läßt seine halbtierische Form Ganesha vielen als zu "primitive" Gottheit erscheinen, die sich, zunächst von niedrigen Kasten oder kleinen Dorfgemeinden verehrt, erst sehr spät zu  Anerkennung in Brahmanischen Kreisen emporgerungen hat ( Courtright, S.7).

 

 


            Da ihm im Gegensatz zu den meisten der hinduistischen Götter und Göttinnen klar nachweisbare Belege in den Veden fehlen, hat er auch in wissenschaftlich Studien zum Hinduismus bisher wenig Raum gefunden (ebd.). Er erscheint im hinduistischen Pantheon erst relaltiv spät und abrupt, im 5. Jhd., zu einer Zeit, als der Prozess der Verschmelzung vedisch-brahmanischen Glaubens mit dem dravidisch-vorarsichen Volksglauben zum heutigen Hinduismus bereits begonnen hatte. In dieser Zeit des "Klassischen Hinduismus" zwischen etwa dem 4. und dem 9. Jhd. wurden die Puranas verfaßt, in denen sich in Form zahlreicher Mythen und Verehrungsanweisungen die ältesten schriftlichen Belege finden, die einen Gott Ganesha nachweisen.  Die Puranas (= "die alten Schriften") stellen ein Kompendium dar aus Mythen, Legenden, Geschichtserzählungen die als heilig und manchen auch als "offenbart" (shruti) gelten. Da es keinerlei Hinweise auf einen präpuranischen Ganeshakult gibt, vertreten nicht wenige Wissenschaftler die These, er leite sich komplett ab von anderen Göttern, vor allem von Siva ( Courtright, S. 7).
Dennoch sehen Anhänger Ganeshas seinen Ursprung in der vedischen Gottheit Ganapati, die im Rg Veda als Herr der Scharen angerufen wird. Es läßt sich jedoch mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, daß hier diese Anrufung eher dem göttlichen Priester oder aber Siva (Shiva) oder Indra gilt. Wenngleich es aber in den Veden keine Textstellen mit signifikantem Bezug auf Ganesha gibt, so sind in ihnen doch Hymnen nachweisbar, die sich an "ihn, der einen Rüssel hat", "ihn mit dem Elefantengesicht" (hastimukha) oder "den mit dem Stoßzahn" richten. (Tattiriya Brahmana, zit. i. Courtright, S.9).

 

            Vielfach wird von Forschern bezüglich der Herkunft Ganeshas die "dravidische Theorie" geltend gemacht, nach der alle Elemente des Hinduismus, die nicht auf vedisch-brahmanischen Glauben zurückzugehen scheinen, Adaptionen dravidischen Volksglaubens seien. Der Ganesha-Verehrung liege somit ein tribaler Elefantenkult zugrunde, der erst spät an den brahmanischen Glauben angepaßt und in diesen integriert wurde. Viele Forscher vermuten, daß dieser Prozeß sich in dem Mythos wiederspiegele, in dem Ganesha durch Shiva in dessen Familie "adoptiert" wird, nachdem er zunächst von diesem bezwungen und somit "angepaßt" wird.

 

            Eine Erklärung für das plötzliche Auftauchen Ganeshas im hinduistischen Pantheon sieht Courtright in seiner Theorie, nach der Ganeshas Erscheinen in die Zeit fällt, in der Opferkult der Aryas hinter den sich immer weiter ausbreitenden Tempelkult zurücktrat, und somit eine Instanz nötig wurde, die die Tempel zu bewachen vermag, und diese vor Eindringlingen und schlechten Einflüssen schützt.
 

 

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