Seelische Reifung:

Meditation und Arbeit mit Entheogenen

 
 

"Wer die Wahrheit des Herzens finden will, muß alles aufgeben, was der Verstand weiß. Er muß Schicht um Schicht sein Denken durchstoßen bis an den Kern; und dann den Kern des Denkens durchschauen; bis das Bewußtsein leer ist vom Denken und frei, zu fühlen. (...) Wer sich nicht beirren läßt in seiner Absicht, die Wahrheit des Herzens zu finden, der wird sie finden – und zwar als ein unmittelbares Gefühl." (36)

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"Je tiefer das Herz berührt ist, desto tiefer ist das Wissen; und je tiefer das Wissen ist, desto weniger Worte gibt es, mit denen der Mensch es fassen und ausdrücken kann. Denn in der tiefsten Tiefe des Herzens herrscht völliges Schweigen und völliges Verstehen." (39)


Aus: Safi Nidiaye: Die Stimme des Herzens. Der Weg zum größten aller Geheimnisse.


 


 


Als Menschen haben wir auf unserem Lebensweg grundsätzlich die Wahl zwischen zwei Alternativen: Wir können entweder vor uns und unseren Problemen davon laufen, sie ignorieren. Oder wir können uns diesen Problemen stellen und so wachsen und reifen.

Im ersten Fall werden wir dazu neigen, alles was uns begegnet, in den Dienst der Verleugnung zu stellen: So können wir z.B. unsere Arbeit dazu benutzen, uns etwas vorzumachen und die innere Leere mit beruflichen Erfolgen (Macht, Geld) zu übertünchen, den inneren Schmerz zu betäuben. Eine zweite Möglichkeit ist Sex. Eine dritte Möglichkeit sind Drogen – vom Alkohol bis hin zu harten Drogen wie Heroin oder Kokain. Alle diese Wege haben eines gemeinsam: Sie sind verlockend, putschen einen – vorübergehend – auf, die Welt scheint in Ordnung zu sein. Zugleich bringen sie die innere Stimme allmählich zum Schweigen. Sie errichten eine Mauer zwischen unserer Alltagswelt auf der einen Seite und dem lebendigen Kern in uns, der um die Wahrhaftigkeit weiß. Hinter dieser Mauer wachsen allmählich Angst, Minderwertigkeitsgefühle, Einsamkeit und Depression. Um den damit verbundenen Schmerz nicht zu spüren, müssen wir die Mauer noch undurchdringlicher machen - ein Teufelskreis. Ein sichtbarer Endpunkt sind im Extremfall psychischer oder physischer Zusammenbruch.

Häufig aber auch kommt es gar nicht so weit. Vielen Menschen gelingt es, ein einigermaßen normales Leben zu führen und sich gegen die innere Leere, den inneren Schmerz leidlich abzuschirmen. Wir haben fast alle solche Methoden "drauf" und haben nur manchmal das unbestimmte Gefühl, daß das nicht alles sein kann. Wir "funktionieren" – und tief drinnen bleibt die Ahnung, daß das Leben vielleicht doch mehr sein könnte.

Manchmal, wenn uns vielleicht ein Verlust trifft und das unbestimmte Gefühl plötzlich stärker und drängender wird, haben wir den Impuls, einen anderen Weg einzuschlagen: Nämlich sich dem Schmerz nicht mehr zu verschließen – und damit zugleich auch der Liebe in uns wieder mehr Raum zu geben. Dieser Weg ist nicht unbedingt bequem, er verlangt "Arbeit", also Mühe, Ausdauer, konsequentes Dranbleiben.

Traditionell bieten sich in unserem Kulturkreis hierfür zwei Wege an: Nämlich (christliche) Religion und Psychotherapie. Die erstere hat für die große Mehrheit heute ihre ehemalige Überzeugungskraft und Bedeutung verloren. Die zweite gewinnt dagegen zunehmend an Bedeutung. Ihr Nachteil ist, daß sie auf der modernen westlichen Wissenschaft basiert und daher meist nicht die tiefe, existenzielle Ebene der Religion erreicht. Auf die Fragen, die die innere Leere in uns aufwirft, hat sie daher meist keine befriedigenden Antworten zu bieten. Außerdem fehlt hier etwas ganz wichtiges: die Gemeinschaft derer, die auf dem Weg ist – die Gemeinde, oder – buddhistisch – die Sangha.

Vielleicht ist das der Grund dafür, daß sich heute bei uns ein dritter Weg durchzusetzen beginnt: Der Weg der Meditation. Meditation kann, wenn man sie als Weg praktiziert, die innere Wahrheit spürbar, erfahrbar machen – was für uns Westler von großem Wert ist, weil wir heute ja nur noch das glauben, was wir persönlich erfahren. Und es spricht einiges dafür, daß Meditation – z.B. in ihrer Form der buddhistischen Meditation – ähnliche Effekte hat wie Psychotherapie: Es gibt mittlerweile psychosomatische Kliniken, die mit dieser Methode arbeiten und nachweislich Erfolge haben (Vgl. z.B. J. Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation, München 1994). Meditation kann offensichtlich die Segnungen von Religion und Psychotherapie gleichermaßen in sich vereinigen.

Im Zusammenhang mit Meditation gewinnt heute eine weitere Methode an Bedeutung: die Arbeit mit Entheogenen. Entheogene sind bestimmte natürliche Substanzen wie z.B. Ayahuasca oder Peyote, die in einem religiösen Kontext (Gottesdienst) eingenommen werden, und die die Teilnehmer darin unterstützen, Kontakt zum Kern ihres inneren Selbst, also zu ihrem Herzen aufzunehmen.

Es gibt heute einige Länder, in denen sich ähnlich wie bei uns in Europa längst eine (aus ursprünglich christlichen Wurzeln stammende) moderne Zivilisationsgesellschaft etabliert hat, in denen aber dennoch die alten schamanistischen Traditionen gepflegt werden. In solchen Ländern kam es – unabhängig voneinander - etwa seit Beginn des 20. Jahrhunderts zur Bildung neo-christlicher Kirchen, die beide Traditionen miteinander verbanden und dabei Entheogene als Sakrament verwendeten. Beispiele dafür sind etwa Brasilien (Daime-Kirchen und União de vegetal) und die USA (Native American Church, in den USA offiziell erlaubt), aber auch Mexiko und einige afrikanische Länder.

Diese Form von Religiosität kam jahrzehntelang kaum über regionale Bedeutung hinaus und blieb daher auch weitgehend unbeachtet. Dies änderte sich erst in den in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Die neo-christlich-schamanistischen Kirchen begannen, sich über die regionalen Zentren hinaus – auch nach Europa – hin auszudehnen und damit auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit - und vor allem der Behörden - auf sich zu ziehen. Die ersten Reaktionen der Behörden waren Verhaftungen, Hausdurchsuchungen, zum Teil sogar Überfallkommandos. Eine solche Reaktion ist verständlich, schließlich geht es hier um etwas gänzlich unvertrautes. Auch die Reaktion der Behörden in Brasilien war zunächst ähnlich, als die kirchlichen Bewegungen in den 80er Jahren begannen, sich in den Großstadt-Metropolen wie Rio de Janeiro oder Sao Paulo zu verbreiten. Es bedurfte eines Lernprozesses, zu dem die dortigen Behörden bereit waren, ehe man den Gedanken zulassen konnte, daß es hier nichts gab, wovor man sich zu fürchten braucht. Die brasilianischen Ayahuasca-Kirchen erfreuen sich heute einer breiten Anerkennung durch den Staat und die traditionellen Schwesterkirchen. Dazu hat nicht zuletzt auch das sichtbare soziale und ökologische Engagement der Kirchen und ihrer Mitglieder beigetragen; und natürlich auch die Einsicht, daß Ayahusca sicher ist, nicht giftig und weder psychische noch physische Abhängigkeit erzeugt.

Entheogene können und sollten nicht mit Drogen in einen Topf geworfen werden. Der Unterschied könnte aber nicht schärfer gedacht werden: Kokain, Heroin etc. sind gefährliche, Sucht erzeugende Drogen. Sie sind bestens dazu geeignet, Menschen dabei zu helfen, ihren Problemen auszuweichen – und genau dazu werden sie von ihren Konsumenten auch benutzt - mit fatalen Konsequenzen.

Ähnlich, wenngleich nicht so krass, ist der Mißbrauch von Drogen in der Partyszene zu sehen. Die Teilnehmer dieser Szene suchen transzendente Erfahrungen, aber ihnen fehlt der religiöse Kontext; statt wirklich zu suchen, sind sie süchtig nach dem "Kick". Jemand, der mit einer solchen Erwartung etwa eine religiöses Ayahuasca-Zeremonie besuchen würde, der also das Sakrament mit einer Partydroge verwechselt, wäre enttäuscht, nicht nur weil der "Kick" ausbleibt, sondern auch weil ihm zugemutet werden würde, sich gerade diese seine Sucht anzusehen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Entheogene dagegen – vor allem, wenn sie in ihrem traditionellen, religiös-zeremoniellen Kontext genommen werden - öffnen uns den Weg in eine Auseinandersetzung mit uns selbst – den Weg der Reifung. Entheogene bieten – ebenso wie Meditation – keinen Zauberstab, der ein für alle mal unsere Probleme lösen würde. Dieser Weg hat daher – wie auch Meditation – erst einmal nicht unbedingt etwas verlockendes; er ist mühselig und erfordert die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten. Das große "High", das ja bei Drogen das Verlockende ist, bleibt – wenn es überhaupt kommt – erst einmal aus. Dennoch hat man – wiederum ähnlich wie bei Meditation – das zunehmend sichere Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

Es ist an der Zeit, daß die öffentliche Wahrnehmung diese Differenzierung nachvollzieht, damit Menschen, die ernsthaft spirituell an sich arbeiten wollen, nicht mit Drogendealern in einen Topf geworfen und kriminalisiert werden. Es geht in keiner Weise um "Freigabe von Drogen", im Gegenteil; Drogengesetze sind und bleiben wichtig. Es ist aber an der Zeit, daß der Staat prüft, ob und unter welchen genau zu umschreibenden Voraussetzungen es möglich sein könnte, den Gebrauch von Pflanzen, die kirchlichen Gemeinschaften traditionell als Sakrament dienen, in religiösem Rahmen zuzulassen.



 
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