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Das Gesundheitswissen der Alten

Dr. Walter Andritzky

Einleitung

Asklepios - Ganzheitliche Kurmedizin der Antike (Teil 1)

Hippokrates - Die Vertreibung der Geister (Teil 2)

Eleusis: Initiatischer Drogenkult und abendländische Kultur (Teil 3)

 

Eleusis: Initiatischer Drogenkult und abendländische Kultur (Teil 3)

Noch heute heisst jener Weg, der an den Resten des Eleusinions unterhalb der Athener Akropolis als panathenäischer Festweg beginnt, in seinem weiteren Verlauf zum 22 Kilometer entfernten Eleusis hiera odos, heilige Strasse. Wieviele jener Zehntausende, die sie auf der Nationalstrasse täglich in Richtung Korinth befahren, werden noch ahnen, was in den 2-3000 Initiaten vorgegangen sein mag, die alljährlich diesem ‘Weg nach Eleusis’ folgten? Doch weder die architektonischen Reste in Eleusis noch die geistige Sprengkraft des Kultes beeindruckten mich während meiner Recherche vor Ort mehr als ein ganz unscheinbarer Fund: In einer Felsnische im sog. Plutonium, wo man in einer höhlenartigen Öffnung genau in der Verlängerung des hiera odos den Eingang zur Unterwelt wähnte, lagen frisch dort plazierte Blumen und Weizenähren, - Symbole für Tod- und Wiedergeburt der einstigen Initiaten. Bei einigen Ortsansässigen haben sich offenbar Ahnungen erhalten. Genau über dem Plutonium steht zudem eine christliche Kapelle, die der Gottesmutter Maria als Kornherrin gewidmet ist.

Die kleinen Mysterien

Mit Ausnahme von Mördern konnte jeder Griechischsprechende an den eleusinischen Mysterien teilnehmen, selbst Sklaven. Seit dem Jahre 146 v. Ch. konnten auch alle Männer und Frauen des römischen Reiches teilnehmen, sofern sie des Griechischen mächtig waren. Es handelte sich nicht um eine typische Jugendinitiation, sondern um etwas wie eine Reifungsinitiation, 19 Jahre war die Altersuntergrenze! Die erste Stufe der Einweihungen, die kleinen Mysterien, welche den Initianten zum sog. mystes machten, wurde im Februar im Athener Heiligtum der Demeter in Agrai (das „Wildfeld„) gefeiert. Nach den Studien von Dieter Lauenstein („ Die Mysterien von Eleusis„) sammelten sich die Teilnehmer zunächst im Kronos-Tempel (Gott der Zeit), ihre Kleidung und Kenntnis der Geheimworte wurde geprüft, nach Waschung und Räucherung erhielten sie Gesicht und Handrücken mit weissem Kalklehm bestrichen. Danach führte die Priesterin mit rascher Bewegung eine brennende Fackel um den Leib. In einem Würfelspiel sollte jeder Initiant nun einen Titanen („Erdgebundener„, Mittler zwischen Menschen- und Götterwelt) als seinen Geistführer bestimmen. Die Männer verzehrten rohes Hirschfleich, „Tote„ mit geweissten Gesichtern nahmen den Frauen noch vorhandenen Schmuck ab. Von einem Hermes-Priester geführt schreiten die Mysten später hinauf zum Poseidon-Tempel, vorne die „Toten„ mit Mädchen und Frauen, dahinter die Männer, welche von „Wölfen„ angefallen werden, die mit Dornenzweigen auf sie einschlagen. Es folgen ritualisierte Dialoge und Anrufungen, in denen die Figuren der griechischen Götterwelt auftreten, z.B.
„Tisiphone, kein Mord bleibt ungerochen bei Dir
Megaira, zwingst Übermut ins mass
Alekto, du bringst Vergeltung
ihr drei unterm Schlangenhaar,
reinigt die Welt durch Last;
vermehrt den Mysten die Kraft!„ .

Nach weiteren, der Mythologie entnommenen Ritualen geht „Aphrodite„ hinab zum ‘Tempel der Mütter im Tal’, entzündet ein Feuer neben dem Altar, daneben nehmen Moiren und Erynnien (Schicksals- und Rachegöttinnen) Platz. Von Hermes geführt folgen „Tote„ und Mysten bis zu den sechs zwischen Altar und Tempel stehenden Thronen und er fordert sie auf: „Fraget mit heiliger Scheu nach dem Schicksal des Erdkreises, der Stadt und zuletzt eurer selbst„. Jede der sechs Priesterinnen fragt den Mysten: „Was sahst Du?„ Berichtet der Initiant nichts Ausserordentliches, dann hiess es: „Geh’ zu Pan und würfle bei Deinem Satyrn„ als Wink, dass er sich noch an irdisch-stoffliches klammert und Anregung von aussen benötigt. Sie wiederholen Namen und eigene Deutung ihres ausgewählten Titanen und würfeln ein zweites Mal. Ist es derselbe Heros, dann erwidert der Satyr, auf den Mysten warteten wie auf den heimkehrenden Odysseus ‘viele Freier um seine Seele’, wobei ihm sein Titanen-Heros helfe, seine Seele nicht zu verlieren. Freier im Sinne von Verführern der Seele sind Ehre, Waffen, Macht, Furcht, Verliebtheit und Reichtum.
Wer dagegen Visionen hatte, wird zur Priesterin im Tempel gewiesen, die echte Schau von neurotischen Inhalten zu unterscheiden wusste. Schwelgt der Initiant in Bildern, wird er an die Zauberinnen Kirke und Kalypso erinnert, welche Odysseus von seinem Wege abzulenken versuchten. Die Fragen der Priesterinnen deuten bereits darauf hin, dass sich die Initianten während alledem in einem veränderten, visionären Bewusstseinszustand befunden haben. Erst nach den hier nur skizzierten Einweihungen, den Anthesterien, waren die Mysten im folgenden Jahr zugelassen für den herbstlichen Weg nach Eleusis.

Die „Eleusinien

Die Durchführung der neuntägigen, am 14. September beginnenden grossen Mysterien in Eleusis, war seit alters ( d.h. dem 16. Jh. v. Ch., Datierung des mykenischen Herdaltars in Eleusis) der Eumolpiden-Familie übertragen. Der Zeitraum erinnert die neuntägige Suche Demeters nach ihrer Tochter Persephone. Zuvor hatten Gesandte in allen griechischen Städten zur Teilnahme eingeladen und eine zweimonatige Waffenruhe verkündet.
Der äussere Ablauf der Eleusinien ist schon deshalb von Interesse ist, da er die intensive Teilhabe der athenischen Gemeinde und aller anderen Städte des Bundes an den Mysterien belegt und demonstriert, wie Öffentlichkeit und „geheime Erfahrung„ rituell miteinander verwoben wurden:
Am 14. des Monats Boedromion (September) begann auf der 'heiligen Strasse' nach einem grossen Opfer der Festzug von Eleusis nach Athen. Am See von Koumounduru, heute ein abgezäuntes Areal gegenüber den Hafenanlagen, warteten athenische Waffenträger, die den Festzug von bis zu 30.000 Teilnehmern über den Kerameikos-Friedhof und den Marktplatz (agora) bis zum Eleusinion-Tempel unterhalb der Akropolis geleiteten. Zuletzt wurde die Ankunft der Demeter offiziell hinauf an die Athena-Priesterin auf die Akropolis gemeldet.
Am 15. verkündet der oberste politische Beamte der Stadt den offiziellen Festbeginn und ruft zur Teilnahme auf, die nur Heiligtumsschändern und Mördern verwehrt war. Die Mysten stehen in weissen Gewändern abseits der Menge.
Am 16. ertönt der Ruf "Auf, ihr Mysten!", welche zu einer rituellen Reinigung zum Meer hinabziehen. Jeder Myste opfert ein mitgeführtes Ferkel.
Am 17. werden im Eleusinion weitere Tieropfer dargebracht und Gebete für die Ratsversammlung, das Volk von Athen und die Vertreter anderer Städte gesprochen, die ihrerseits Opfergaben mitbrachten. In der Vorhalle entnimmt jeder Myste einem von der Demeterpriesterin gehaltenen Korb einen in Holz gearbeiteten Mutterschoss, hebt ihn hoch und legt ihn im Nebengemach in einen anderen Korb, den eine junge Priesterin Hekates auf den Kopf hebt. Nach kurzer Meditation soll er ihn in die erste kiste zurücklegen, Symbol für die in Eleusis angezielte ‘Empfängnis von oben’ oder ‘geistige Geburt’.
Am 18. zog für Asklepios eine Prozession durch Athen, die Mysten blieben zuhause.
Am 19. kehren die Teilnehmer, angeführt von den Oberpriestern aus Eleusis, und zwei Priesterinnen mit den Körben auf dem Kopf, mit Myrten bekränzt und einen aus Zweigen geflochtenen Bakchos-Stab in den Händen haltend, nach Eleusis zurück; am See von Koumandouru erhielten sie diesmal gelbe Fäden um Hand- und Fussgelenke, Schutz vor allen negativen Kräften. An allen Heiligtümern entlang des Weges werden Hymnen gesungen. Wenige hundert Meter vor dem Eingang nach Eleusis kreuzten die Mysten eine schmale Brücke, wo sie von verhüllten Gestalten allerhand derbe Wahrheiten gesagt bekamen ohne sich verteidigen zu dürfen. An den Propyläen des heiligen Bezirks angekommen, führten Mädchen am Kallichoros-Brunnen, an dem Demeter getrauert hatte, Tänze auf.
In der Nacht vom 20. zum 21. ziehen die Mysten nach einem Stieropfer in das Telesterion, die Einweihungshalle. Als Gabe der Eumolpiden-Priester erhalten sie kleine Brote und einen grossen, aus Gerste und Weizen gebackenen Brotlaib (pelanos) gereicht. Zuvor nahmen sie bereits aus einem Ritualgefäss (kymbalos) einen LSD-ähnlich wirkenden Trank (kykeon) zu sich, der mit Mehl, Wasser und Minze versetzt war. Nach dem Ruf 'fern die Nicht-Eingeweihten!' haben sich danach aus einer durch den halluzinogenen Trank hypersensibilisierten Wahrnehmung und rituellen, über Gesänge, Töne und Dialoge vermittelten Visionen der Schrecken des Hades mit nachfolgendem gleissendem Licht, das Erscheinen Persephones, Aufbruch des Triptolemos als Kulturheroen zu den Menschen- jene Erfahrungen entwickelt, von denen Sophokles schrieb: "Dreifach glücklich sind jene unter den Sterblichen, die, nachdem sie diese Riten gesehen, zum Hades schreiten; ihnen allein ist dort wahres Leben vergönnt. Für die übrigen ist dort alles schlimm". Ähnlich äusserte sich der Dichter Pindar: "Wohl ist im Tode versehen, wer unter Wissen eleusinischer Wahrheit in die Gruft steigt". Und der römische Staatsmann Cicero verlautet: "Wie schon der Name Initiation sagt, haben wir durch sie Zugang zu den Grundlagen des Lebens, nicht nur den Ausblick auf ein irdisches Leben in Freude, sondern auch auf ein Sterben mit besserer Hoffnung".
Am 21., dem 'Tag danach', folgen weitere Kulthandlungen, die 'heilige Hochzeit von Zeus und Demeter', repräsentiert von der Oberpriesterin und dem Hierophanten. Es wird alfi, die Gerstenähre, Symbol des fortdauernden Lebens gezeigt und danach aus einem von Priesterinnen auf dem Kopf getragenen Behältnis, der ‘kiste’ heilige Objekte, vermutlich Genitalien enthüllt.
Am 22. wird der verstorbenen Mysten gedacht. Aus besonderen Gefässen (plemochoes) wird ein Trank nach Osten und Westen versprengt. Einige opfern ihr weisses Mystengewand der Göttin, andere schneidern daraus Kleidung für die Kinder, da der Stoff vor Krankheit und Übel schützen sollte.
Am 23. erfolgt schliesslich die Rückkehr nach Athen und am 24. wird im Eleusinion-Tempel über Vergehen geurteilt, zu denen es in der Zeit der Mysterien gekommen war.

Die grossen Mysterien

Die äusserlich beobachtbaren Vorgänge während der nächtlichen Initiation lassen sich nach Lauenstein aus den sog. homerischen und orphischen Hymnen, Abschnitten aus Homer‘s Ilias und Odyssee, Stellen in Apuleius‘ Metamorphosen etc. rekonstruieren. Danach oblag die Leitung von Szenen aus der griechischen Mythologie und Götterwelt, welche nach Lauenstein zu den Mysterien gehörten, drei Priestern (Hierophant, Herold, Fackelträger), sowie zwei Priesterinnen für Demeter und Artemis. Ferner wirkte ein 8-12-jähriger Ministrant als ‚Knabe vom Herd‘, der die Feuerstelle im Anaktoron, dem ältesten Teil des Telesterions zu versorgen hatte. Als Musik gab es Bläser, welche das Element Luft darstellten, Saiteninstrumente für Wasser, ferner Zimbeln und Becken mit tiefem Klang. Da die Architektur aufgrund des ‚Säulenwaldes‘das Telesterion als Theaterraum ungeeignet macht, handelt es sich bei den von Lauenstein meisterhaft rekonstruierten Szenen wohl eher um Episoden, welche jene inneren Visionen anregen und führen sollten, die der Genuss des kykeon bei den Initianten auslöste. Wann dieser eingenommen wurde ist noch ungeklärt. Das Mischen des Trankes in einem besonderen Gefäß, dem kernos, bildete eine eigene Zeremonie. Ein im Museum von Eleusis gezeigtes Gefäss besteht aus einer zentralen Schale und darum herum angeordneten Näpfchen., in denen sich tierische und pflanzliche Produkte befanden, die alle im Detail bekannt sind. Der kernos wurde von kernos-Trägerinnen tanzend auf dem Kopf balanciert.

Nach ihrer Ankunft schritten die Initianten in den ersten Hof der Anlage, wo ihnen die Regeln verlesen wurden (z.B. das Anaktoron nicht zu betreten). Vermutlich wurde hier oder vor dem Einzug in das Telesterion der Becher mit dem kykeon geleert. Nachdem auch der Hierophant getrunken hatte, warteten die bis zu 3000 Initianten auf ihre Visionen, welche von dem Auftreten griechischer Göttergestalten gefördert und strukturiert wurden. Die Szene des Verlesens wurde später in einem Wandgemälde in der ‚Villa dei Misteri„ in Pompeji, wo reiche Familien die Mysterien nachstellten, eindrucksvoll wiedergegeben.

Im Vorhof sehen die Mysten nun Demeter als um den Verlust ihrer Tochter trauernd neben dem Kallichoros-Brunnen sitzend. Demeters Magd Jambe tanzt nackt ‚den Rückweg des Menschen zu seinem Ursprung‘, der Empfängnis. ‚Tote‘ treten auf. Demeter entfernt sich, und als ihr die Initianten folgen wollen, wird hinter der Mauer zum nächsten Hof eine Steinlawine ausgelöst, die über den Weg donnert. Mit dem Ruf ‚Mut ihr Mysten!’ leitet nun der Fackelträger die Schar ins Innere der Anlage, vorbei am Kriegsgott Ares, der als ‚Steinwerfer‘ oben auf dem Felsen erscheint, an Demeter, die als Antaia (Gespenstische) verhüllt sitzt und den Moiren, den Schicksalsgöttinnen.

Vor dem Tor der Einweihungshalle, dem Telesterion, sitzt die Göttin Rheia in ein Trauergewand gehüllt, während die Moiren sie umtanzen. Als sie in das Telesterion eintritt, folgen ihr die Mysten und Prometheus, der Lichtbringer erscheint. Von Fackeln schwach erleuchtet, suchen sich die Mysten auf den steinernen Stufen der 54 mal 54 Meter grossen Halle ihre Plätze. Nahe des Anaktorons sitzt der Hierophant (‚der die heiligen Zeichen zeigt‘), in der rechten Hand einen Rohrstab, in der linken eine goldene Gerstenähre.
Im weiteren singen nun die verschiedenen Gottheiten des griechischen Pantheons von ihren Eigenschaften und Taten, die Zahlen eins (Urgrund) und zwei (Erscheinungswelt) treten als kämpfende Personen auf. Zu dieser Phase des Rituals gehört auch, dass der Hierophant Gaia, die Erdgöttin, köpft und ihr mit Schlangenhaaren versehenes Haupt auf das Herdfeuer des Anaktorons legt.
In der letzten Phase erscheint der ‚Knabe vom Herd‘ mit der Asche des Gaia-Hauptes und die Initianten besingen Adonis, den Sohn von Persephone. Ein Jüngling, der die gefallenen Krieger symbolisiert, wird unter Gesängen wieder zum Leben erweckt („Hephaistos, kräftige die Form, wärme den Leib!„), Hermes reicht ihm sein Schwert zurück und bittet für eine friedliche Zukunft ‚werde Schwert hier zum Pflug!„
Zuletzt verlässt die Prozession das Telesterion und wird von Satyrn fröhlich empfangen. Vor der Grotte des Plutoniums sitzt Demeter nun in Weiss gekleidet und der Hierophant wird zu ihrem Priester. In Gesängen werden die Mysten, nun Sehende (epoptes) genannt, zuletzt ermahnt, „von ihren Schätzen„ (Weisheit und Wissen) anderen abzugeben. Im Morgengrauen machen sich die Initianten dann in Gruppen auf den Heimweg nach Athen.

Der Mythos
Den eleusinischen Mysterien liegt ein Mythos vom Typ der initiatischen Unterweltsfahrt zugrunde: Von alters her glaubten die Griechen, dass die Fruchtbarkeit der Landschaft um Eleusis dem Wirken der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter zuzuschreiben ist. Im homerischen Epos heisst es hierzu, dass ihre Tochter Persephone eines Tages unbeschwert auf einer blühenden Wiese Narzissen pflückte, als sich die Erde öffnete und sie von Hades, dem Herrscher der Unterwelt geraubt wurde. Noch heute zeigen die Bewohner von Eleusis als Ort dieses Geschehens zwei Höhlen neben dem Telesterion. Am neunten Tage ihrer Suche nach Persephone kam Demeter unerkannt in Gestalt einer Greisin nach Eleusis und liess sich am Brunnen Kallichorus nieder. Der König nahm sie in seinen Palast auf und Demeter wurde die Erziehung seines Sohnes Demophoon übertragen. Tagsüber salbte sie ihn mit Ambrosia, nachts hielt sie ihn über ein Feuer, um ihm göttliche Unsterblichkeit zu verleihen. Eines nachts von Demophoons Mutter dabei überrascht, gab sich Demeter als Göttin zu erkennen und liess sich vom Volk einen Tempel errichten. Doch ihr fortwährender Zorn wegen des Verlustes ihrer Tochter liess die Äcker um Eleusis verdorren bis selbst die olympischen Götter unruhig wurden und ihr Bote Hermes in die Unterwelt hinabstieg. Er handelte mit Hades einen Kompromiss aus: acht Monate sollte Persephone künftig bei der Mutter weilen, die vier übrigen Monate als Gemahlin bei Hades. Als Dank für die Hilfe der Eleusinier und die wiedergewonnene Tochter lehrte Demeter sie die Mysterien, welche den Bewohnern künftig materiellen Wohlstand und geistige Entfaltung bringen sollten. Den Sohn des Königs Keleos, Triptolemos machte sie zum Lehrer des Ackerbaus.

Thema des Mythos ist die Individuation durch Lösung aus mütterlich-festhaltenden Energien, was für die Initianten erlebnismässig auf dem Wege einer 'zweiten Geburt' (Hinabsteigen in die Erde, Begegnung mit Tod und Urgewalten, Rückkehr ans Licht) geschieht. Vielfach wurde dieser Mythos, der viele Seiten von Homers Odyssee füllt, als die ergreifendste und schönste Schöpfung der griechischen Geisteswelt gepriesen. Goethe liess sich von ihm zu Faust’s ‘Gang zu den Müttern’ inspirieren.

Das Geheimnis der Wandlung

Als mit dem Beginn der Hexenverfolgungen Wesen und kulturgeschichtliche Funktionen sakraler Pflanzendrogen in Europa verunglimpft wurden, mag uns die Annahme, dass wir das Morgenrot unserer höchsten Ideale wie Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und manches griechische Meisterwerk bildender und darstellender Kunst, Erfahrungen unter Drogeneinfluss zu verdanken haben, geradezu frevlerisch erscheinen. Wir sollten uns aus anerzogener Artigkeit jedoch keine Denkverbote auferlegen lassen und einräumen, dass Geistesklarheit und Ästhetik, wie wir sie an den Griechen so gerne bewundern, nur entstehen kann, wenn zuvor der 'innere Hades', verwirrende, gewaltvolle und oft dämonische Erfahrungen im Verlauf des Geburtsprozesses, durchschritten sind. Aufgrund seiner Erfahrungen bei Psychotherapien mit LSD und der holotropen Atemarbeit hat Stanislav Grof einen spontanen, dem Geburtsprozess folgenden Erlebensablauf gefunden, der für die altgriechischen Initiaten offenbar ganz bewusst rituell inszeniert wurde: Phasen einer unentrinnbaren, ewig währenden Höllenpein und Ausweglosigkeit, dämonische Kämpfe, Zernichtung des Ich, Ersticken und Todeserfahrung, bis hin zu explosionsartiger Befreiung und Licht. Ein Text des athenischen Redners Themistios besagt jedenfalls, dass die Initiaten im Telesterion nach ‘mühevollem Umherschweifen in völliger Dunkelheit, Grauen, Schweiss und Entsetzen erfuhren bis ihnen ’ein wunderbares Licht erschien, reine Gegenden und Wiesen, wo Klänge und Tänze und ehrfurchtgebietende heilige Töne, Worte und Erscheinungen ihnen begegneten’.

Die kulturvergleichende Bewusstseinsforschung belegt, dass vor Beginn der Kolonialkriege und
der Inquisition religiös strukurierte Drogenkulte weltweit verbreitet waren und den erfahrungsmässigen Urgrund kultureller Institutionen bildeten. Wie war die Situation im alten Griechenland? Aufgrund eher spekulativer Annahmen über einen Geheimcode hinter den Angaben betreff der Zutaten zum kykeon hatte schon Robert Graves vermutet, dass es sich dabei um Fliegenpilze gehandelt habe. Aufgrund der aus anderen Drogenritualen bekannten Erlebensweisen und der Tatsache, dass eine Vielzahl von psychotropen Drogen den eleusinischen Mythos umrankt (Abbildungen der Demeter mit Mohnkapseln, Persephones Einstieg in die Unterwelt nach dem Pflücken von Narzissen - (griech.:narkos=Schlaf, narkotisch)-, das Impotentmachen des eleusinischen Hierophanten mittels Schierlingstrank- hält auch der Psychologe Wolfgang Schmidbauer (Halluzinogene in Eleusis? In: Antaios X, S. 18-37;1969) den Halluzinogengebrauch für möglich. Er vermutet eher die Steppenraute (peganum harmala), die überall als Unkraut wächst und hält den Fliegenpilz schon deshalb für unwahrscheinlich, da es den Priestern von Eleusis "schwer gefallen sein dürfte, mit der nötigen Regelmässigkeit die notwendigen Dosen für die rund 2000 Mysten herbeizuschaffen". Zudem bewirkten sie weniger klare Visionen , sondern Müdigkeit, leichte Euphorie und nur gelegentlich farbige Visionen.

Auch die vielfach geäusserte Skepsis, dass auch noch so eindrucksvolle Rituale und Zeremonien nicht in der Lage seien, in einer einzigen Nacht derart tiefgreifende und fortwirkende Erlebnisse auszulösen, wie sie einhellig und über mehrere Jahrhunderte hinweg von den eleusinischen Initiaten angedeutet wurden, spricht dafür, dass hier Substanzen zur Anwendung kamen, welche das innere Erleben der Initiaten intensivierten.

Heilige Pflanzen im alten Griechenland

Fundierte Beweise für diese These erbrachte erst eine minutiöse Analyse des altgriechischen Schrifttums durch den Altphilologen Carl A.P. Ruck, welche im Buch 'Der Weg nach Eleusis" publiziert wurde. Er weist zunächst darauf hin, dass im Zentrum der vorgriechischen Ackerbauvölker die Fruchtbarkeit der Frau und der Zyklus von Tod und Wiedergeburt in der Pflanzenwelt steht. Hauptereignis dieser Religionen war die 'heilige Hochzeit', die Vereinigung der Oberpriesterin mit einem Vegetationsgeist, der sowohl als Gemahl wie als Sohn erscheint. In Eleusis ist es Triptolemos, der mit der Gerstenähre das auferstandene Korn, die Wiedergeburt symbolisiert, eine Version des Dionysos-Kultes. Ruck legt nun zahlreiche Indizien dafür vor, dass jenem Trank kykeon ein starkes Halluzinogen beigegeben war:
- Im Zusammenhang mit der Zubereitung von Weinen, die für das symposion (private Gelage)
oder religiöse Anlässe, insbesonders solche zu Ehren des Dionysos, 'gemischt' wurden, hatten die Griechen ein umfangreiches Drogenwissen. Manche Weine konnten nur in 20-facher Verdünnung genossen werden. Es gab einen eigenen 'Rauschmeister' (symposiarchos), der im Rahmen von Mischzeremonien in eigenen Gefässen (krateres) berauschende Kräuter zusetzte und so das 33Trunkenheitsniveau eines Symposiums gleichsam steuerte. Wenn es dem Wein an 'Blume' mangelte, war dies damals wörtlich zu verstehen......
- Berichte künden davon, dass die für sakrale Zwecke verwendeten Weine noch stärker waren und schon zwei Becher unverdünnt getrunken, zum Tode führen konnten. Sogar halluzinogene
Qualitäten sind belegt: Bei den erwähnten Anthesterien, dem Fest zu Ehren des Dionysos, wird von einer im Wein enthaltenen Droge gesprochen, die für das 'Öffnen der Gräber' und die 'Rückkehr der abgeschiedenen Geister' verantwortlich war.
- Für die beiden Mysterien im Februar und im September, welche einmal um die Unterweltsfahrt und dann um die Wiedergeburt zum Licht kreisten, wurden zwei verschiedene, diese Welten repräsentierende Drogen eingesetzt: Für die kleinen Mysterien ist -anknüpfend an das Pflücken der Narzissen durch Persephone- von einer 'Winterzwiebel' die Rede, von der Ruck allerdings annimmt, dass sie eine metaphorische Bdeutung hat und eher einen Pilz (mykes) symbolisiert. Die Silbe mu ist in mykenischen Piktogrammen mit einem Stierkopf assoziiert und man sprach in einem Wortspiel auch von ‘Pilzgebrüll’ statt ‘Stiergebrüll’. Der Gebrauch psychedelischer Pilze war den Griechen jedenfalls wohlbekannt und ‘Stiergrüll’ ist ein Motiv zu Orten, wo mänadische Frauen ihre nächtlichen Rituale abhielten....
- Deutlicher sind die Angaben zu den grossen Mysterien in Eleusis: nach der homerischen Überlieferung lehnte Demeter den von Metaneira angebotenen Wein ab und "erklärte, Wein wäre ein Sakrileg. Stattdessen bat sie , sie solle ihr Gerste und Wasser mit zarten Blättern von glechon (Minze) zum Trinken vermischen„. Auch heute ist der Alkoholgenuss vor der Einnahme psychedelisch wirksamer Pflanzen bei allen damit erfahrenen Ethnien tabu, z.B. bei den ayahuasca-gebrauchenden Stämmen und Kirchen in Südamerika. Der Bestandteil glechon wurde als kaum psychoaktive Minze identifiziert, die als Aphrodisiakum und Abtreibungsmittel galt. In der Mythologie ist die Minze (mentha) Gattin des Hades, welche von Demeter aus Eifersucht um Persephone zerstampft wird.
- Einen ersten Hinweis auf den psychoaktiven Bestandteil gibt der Mythos selbst, der um die Getreidesaat als Symbol der Wiedergeburt kreist. Auf dem eleusinischen Relief im Athener Nationalmuseum erscheint Triptolemos, der „Getreidebringer„ als Sohn und Liebhaber der beiden Göttinnen Demeter und Persephone. Nach einem anderen Mythos betrank sich Demeter mit Nektar, wurde von Iason begattet und gebar Pluto, den Gott des Reichtums (im Sinne des aus der Erde/Unterwelt emporwachsenden Getreides). Vom kultivierten Getreide glaubte man, dass es sich bei falschem Anbau wieder in seine Urform, das „Rauschgras„ aira
(Lolium temulentum) zurückentwickle, welches regelmässig von einem Pilzgewächs, dem Mutterkorn (clavizeps pupurea) befallen ist. Die Gerste wurde als besonders anfällig dafür angesehen. Mit der zeremoniellen Einnahme von aira vollzogen die Initianten von Eleusis nun selbst die Passion Persephones und Demeters, den Abstieg in die Erlebniswelten des Hades und Rückkehr zum Licht. Interessanterweise wurde das pilzbefallene Gras im alten Griechenland auch in der Geburtshilfe eingesetzt, wo die Dialektik von Tod (erlebnismässig und früher tatsächlich!) und (Wieder-) Geburt von jeder dafür offenen Frau erfahren werden kann.

Initiation und Kulturentwicklung


Von dem über 2000 Jahre lang bedeutendsten Initiationszentrum des Abendlandes gingen bis heute gültige philosophische Einsichten aus (z.B. hinter der sichtbaren Welt stehende 'Ideen' nach Plato, - Grundlage für die Suche nach wissenschaftlichen 'Gesetzen'), aber auch architektonische Formen (z.B. 'klassizistische' Repräsentations- und Museumsgebäude in aller Welt) und Ästhetik (pythagoräische Relationslehre), das von den Vereinten Nationen geförderte demokratische Staatsmodell, die Errungenschaften der Biomedizin (nach Hippokrates), die natürliche Darstellung des menschlichen Körpers und das Ideal der umfassenden humanistischen Bildung.
Die fundamentale Bedeutung der eleusinischen Initiation für die Kulturentwicklung des Abendlandes ist bisher unerforscht. Dafür müssten die Lebensläufe altgriechischer Protagonisten aus Politik, Kunst, Militär und Medizin auf ihre Wandlungen und leitenden Ideen nach ihrer Initiation studiert werden. Bemerkenswert ist immerhin, dass für die Demokratie weder gekämpft wurde, noch es eine Theorie gab, sondern sich die Athener Bürger ihrer quasi erst bewusst wurden als sie nach Solon’s Versöhnungswerk zwischen Adel und Bauertum unter Perikles voll erblüht war, - beides eleusinische Initiaten. Das Wort Demokratie setzte sich dann in den 30-er Jahren des 5.Jh. in Athen rasch durch. Eleusische ‚Späteffekte‘ sind dann die massgeblich von Freimaurern (als Beispiel der zu Beginn der Renaissance wiederauflebenden Initiationszirkel) geleistete Wiederbelebung demokratischer Prinzipen und die Verkündung der Menschenrechte nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und der französischen Revolution im 17/18. Jh.

 


Literatur:

Bleicken, J., 1994, Die athenische Demokratie. Paderborn: Schöningh
D. Lauenstein, 1987, Die Mysterien von Eleusis. Stuttgart:Urachhaus.
Kerenyi, K., 1962, Die Mysterien von Eleusis. Zürich
Wasson, G., Hofmann, A. & C. Ruck, 1990, 'Der Weg nach Eleusis". Frankfurt:Suhrkamp.

 

 

 
 

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