Aspekte der Bhagavad Gita: Karma-Yoga als Auflösung des Gegenstzes von Dharma und Moksha

 Bhagavad Gita: Dharma und Moksha

Die Bhagavad Gita


Die Bhagavad Gita gehört wohl zu den am meisten gelesenen aller heiligen Bücher Indiens. In ihr erklingt der Gesang (Gita) des Erhabenen (Bhagavad), letzterer begegnet uns hier als der Avatara Krshna, eine irdische Erscheinungsform des höchsten Gottes Vishnu. Somit liegt uns in der Gita der „Gesang der Gottheit“ vor. Die Gita bildet eine Episode in dem 100.000 Doppelverse umfassenden altindischen Sanskrit-Epos Mahabharata.
Der Hindu-Tradition zufolge fanden die Ereignisse der Mahabharata. im dvapara-Zeitalter statt, somit lange Zeit etwa nach den im Ramayana (dem zweiten großen altindischen Epos) wiedergegebenen Begebenheiten. Dieses dvapara Zeitalter war dem gegenwärtigen Kali-Yuga natürlich wesentlich übergeordnet, jedoch tragen die Charaktere der Mahabharata doch wesentlich menschlichere Züge, als die von übernatürlicher Heroik getragene Perfektion der Protagonisten des Ramayana.

 


Gelehrte gehen im allgemeinen davon aus, dass die Mahabharata etwa in derselben Periode kompiliert wurde, wie das Ramayana, wenngleich der historische Hintergrund auf den Bezug genommen wird, ein völlig verschiedener zu sein scheint. Anders als im Ramayana stehen sich nicht die Verkörperungen der Gegensätze von Gut (Arier) und Böse (fremd), Götter und Dämonen, Ordnung und Chaos gegenüber, sondern Verwandte Parteien und Menschen.

Der religionsgeschichtliche Hintergrund der Mahabharata


Die vorherrschende Thematik dieser Zeit scheint nicht, wie im Ramayana, die Unterwerfung der indigenen Ureinwohner Indiens zu sein, sondern die angemessene Umgestaltung der arischen religiösen Vision im Kontext von religiösen Erneuerungstendenzen und historischer Wandlungen.
Wie wir wissen, stand im Fokus der vedischen Religion die Aufrechterhaltung und periodische Neubelebung der kosmischen Ordnung durch Opferrituale. Deshalb war die Priester-Kaste von enormer Wichtigkeit für die Gesellschaft, da nur sie die komplizierten Rituale ausführen konnten, die Fruchtbarkeit und Wohlstand garantierten. Die essentiellen religiösen Pflichten die in der vedischen Gesellschaft bestanden waren somit zweifach geartet: 1. Der Gottesdienst mittels Opferritual und 2. Erhalt der Gesellschaft, so daß diese Rituale regelmässig von den Brahmanen zum Wohle des Kosmos ausgeführt werden konnten.

Wir wissen jedoch, dass es im 6. Jh. v. Chr. zum Aufflammen von verschiedenen, dieser Auffassung von religiöser Verpflichtung gegenüber häretischen, Bewegungen kommt. Das alte vedische Religionsideal wurde insbesondere durch den Jainismus als auch durch den Buddhismus herausgefordert. In diesen Religionen hält die besondere Wertschätzung und Forderung des Asketismus, des sich zurückziehens aus den weltlichen Bezügen, um Erlösung finden zu können, Einzug in die religiöse Welt der Inder. So war der Buddhismus verbunden mit der Forderung eines monastischen Lebens, dass einzig die Möglichkeit bot, egozentriertes Verlangen und Abneigung, die beide klare Wirklichkeitswahrnehmung verhindern, zu umschiffen. Und der Jainist war sich sicher, dass nur rigorose Askese dazu führen konnte, sich von den bindenden Kräften des Karmas zu befreien. In beiden Fällen konnte die Erlösung nur außerhalb der Begebenheiten der Alltagswelt erlangt werden. Folglich hatte auch keine der beiden Religionen viel für die vedische Betonung der Notwendigkeit, das gesellschaftliche Leben bzw. die Brahmanen Kaste zu stützen, übrig.
In der Mahabharata nun sehen wir eben dieses Thema des Asketentums angesprochen. Wurde das Thema in den vedischen Texten mit Ausnahme der Upanischaden vor allem mißtrauisch behandelt oder lächerlich gemacht, so zeugt die Mahabharata von einigem Respekt gegenüber jenem. Asketen in dem Epos sind machtvoll und mit positiven Eigenschaften attributiert, d.h. tugendhaft und wahrhaftig. Offensichtlich hatte dieser Aspekt religiöser Suche zur Zeit der Niederschrift der Mahabharata bereits Einzug in die Hauptströme der Traditionen des Hinduismus gehalten.
Weiterhin finden sich in der Mahabharata Abschnitte, welche die Effizienz der vedischen Rituale in Frage stellen. (z.B. Kritik des Mungo; Kontrast des Pferdeopfers mit der Gabe eines hungernden Haushälters der Essen teilt).

Shivaismus und Vishnuismus


Dieses Lehrgedicht, diese in Versen sich Schritt für Schritt enthüllende Selbstoffenbarung Gottes, steht also am Anfang der Entwicklung der indischen Religionen zu den großen monotheistischen Bewegungen einer mehr an Yoga und Erkenntnis orientierten shivaitischen Richtung zum einen und einer mehr gefühlshaft (bhakti) bestimmten vishnuitischen Religion zum andern. Die Wichtigkeit des asketischen Gottes Shiva in der Mahabharata unterstreicht obengenanntes hinsichtlich des emergierenden religiösen Ideals des Weltverzichts im Hinduismus. Die Mahabharata unterliegt somit in vielen ihrer Teile einer Spannung zwischen differierenden Weltanschauungen und dem Versuch, zwischen zwei scheinbar widersprüchlichen Ansprüchen zu vermitteln: der formalistischen, welterhaltenden vedischen Dharma-Religion und der asketischen, weltverneinenden Sicht, die in den Upanischaden, später im Yoga, Jainismus und Buddhismus zum Ausdruck gelangt und artikuliert wird.
Auch die Gita ersteht aus diesem Spannungsfeld und versucht eine Lösung anzubieten. Der Protagonist Arjuna, die menschliche Seele, zögert seine Pflicht und soziale Rolle als Krieger (kshatriya) zu erfüllen, und verlangt stattdessen sich von der Gesellschaft in die Askese zurückzuziehen.
Die Gita bietet eine Lösung an, die eine Balance erlaubt zwischen Beitrag zur Welterhaltung, sozialer Pflicht, und Weltverzicht um die individuelle Befreiung der Seele zu erlangen. Wie erreicht sie das?

Vermittlung zwischen Dharma und Moksha in der Bhagavad Gita

Im Mahabharata geht es um die Konfrontation zweier eng verwandter Fürstenfamilien, den Pandus (Pandava) und Kurus (Kaurava). Es geht um die Herrschaft über Nordindien. Die Gita entstammt dem 6. Buche des Epos, und ist dort eingeschaltet, wo sich die beiden feindlichen Heere schließlich zum Kampf gegenüberstehen. Der berühmteste Kämpfer der Pandavas, Arjuna, wendet sich kurz vor Beginn der Schlacht an seinen Wagenlenker, ihn ins Niemandsland zwischen den Schlachtreihen zu bringen, um von dort die Reihen der Feinde betrachten zu können. Dort erblickt er zu seinem Unbill alte Freunde, Verwandte und alte Lehrer. Arjuna wirft seine Waffen auf den Boden des Wagens und gibt dem Wagenlenker Krshna deutlich zu verstehen, dass er nicht gegen seine Verwandten kämpfen wird. Egal wer gewinne, der Preis sei zu hoch. Arjuna stellt also seine soziale Rolle als Krieger nachhaltig in Frage und damit auch die Frage der Relevanz der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung. Statt dessen äußert er gegenüber Krishna den Wunsch sich von der Gesellschaft zurückzuziehen und Erlösung in Nicht-Handeln und Einsamkeit zu suchen. Arjuna der Aussteiger also.
Krsna offenbart Arjuna als Antwort auf sein Begehren eine zwischen den beiden Polen Dharma und Moksha vermittelnde Perspektive. Rückzug aus der Gesellschaft, so Krshna, löse keine Probleme. Obwohl die Hervorbringung von Karma durch Handlungen den Menschen an die Welt und die Wiedergeburt (Samsara) binde, sei vollkommenes Nicht-Handeln unmöglich. Selbst die Asketen würden in einer bestimmten Art häufig noch Handeln. Vielmehr sei der Schlüssel zur Befreiung nicht die Aufhebung des Handelns als solches, sondern die Ausführung von Handlungen im rechten Verstehen. Handlungen selbst bänden nicht, es sei die Verhaftung an die Handlung bzw. deren Folgen, welche die Wesen an die materielle Welt ketten würde. Das Ideal bestünde daher darin, zu handeln ohne die Früchte des Handelns zu begehren, daher die ichbezogenheit des Handelns aufzuheben.. Diese Methode des bewußten Handelns wird Karma-Yoga (diszipliniertes Handeln) genannt. Arjuna solle also sein innerstes Selbst (Atman oder Seele) von seiner sozialen Rolle trennen und dann diese Rolle ohne Besorgnis um persönlich Konsequenzen ausfüllen. Wahre Weltabkehr bestehe nicht in der Verneinung des Handeln und der Abkehr von der Welt, vielmehr im Verzicht auf die Früchte des Handelns.
„Wie ist diese Weise des bewußten Handelns möglich?“, fragt Arjuna die göttliche Inkarnation. Krshna empfiehlt, jede Handlung als ein Opfer an den Gott Vishnu auszuführen und zu betrachten, Dadurch sei man in die Lage versetzt, selbstlos zu handeln, und seine Seele von den bindenden Folgen des Karma erzeugenden selbstbezogenen Handelns zu entwirren. Der Gita zu folge macht es keinen Unterschied, welche soziale Rolle ein Mensch ausfülle. Jeder könne in der Gesellschaft Erlösung finden, wenn er sein Handeln im oben genannten Sinne diszipliniere.
Wir sehen also, in der Gita wird Arjunas Dilemma, ein menschliches Grundproblem, aufgelöst indem die weltsubsidierende Sicht der vedischen Tradition und die weltabgekehrte Sicht des Buddhismus und Jainismus, die den Hinduismus zunehmend beeinflußten, zu einer Synthese zusammengeführt werden. Einerseits ruft Krshna dazu auf, am Weltenlauf (loka-samgraha) teilzunehmen, die Pflicht als Krieger zu erfüllen, sinnbildlich die Schlacht (des Lebens) zu schlagen. Freiheit jedoch, so die Lehre Krshnas, kann nur durch die Aufhebung von Karma und Samsara erlangt werden, und dies nur durch die Negation allen Verlangens d.h. Indifferenz gegenüber den Dingen des Lebens. Wir können also sagen, daß Krshna in der Gita ein zentrales Thema des Hinduismus kanonisch untermauert, nämlich erstens die Verpflichtung, die soziale Ordnung zu stützen, und zweitens, die Verantwortung, individuelle Befreiung von Karma und Samsara zu suchen. Beides schließt sich in der in der Gita vertretenden Auffassung nicht aus. Erlösung kann mittels Karma-Yoga in der Welt und im alltäglichen Leben erlangt werden.


Copyright 2001 Silvio A. Rohde

 

 

 

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