Das Gesundheitswissen der AltenDr. Walter AndritzkyAsklepios - Ganzheitliche Kurmedizin der Antike (Teil 1)Hippokrates - Die Vertreibung der Geister (Teil 2)Eleusis: Initiatischer Drogenkult und abendländische Kultur (Teil 3)
Asklepios - Ganzheitliche Kurmedizin der AntikeWas den chronisch Erkrankten heute Kurort und"Alternativmethoden" bedeuten, das war für den von den 'rationalen Medizin' des Hippokrates ausgesteuerten Griechen der Heilkult des Asklepios. Für seine Recherchen vor Ort besuchte der Autor Überreste von Tempel- und Badeanlagen, Gästehäusern, Theatern, Sporteinrichtungen und Gymnasien der Asklepieia in Epidauros und auf der Insel Kos. Für die Klienten der Asklepiosheiligtümer standen ihre Traumerfahrungen
in der Schlafhalle, dem Abaton (griech: das Unbetretbare) im Mittelpunkt.
Dort sollte ihnen im Traum durch eine Erscheinung des Asklepios Heilung
zuteil werden. Welche Klienten eher bei einem Hippokraten oder im Asklepieion
landeten, läßt sich mangels statistischer Daten aus dieser
Zeit natürlich nicht genau sagen. Literatur und archäologische
Zeugnisse aus den Asklepieia deuten aber darauf hin, daß dort Gelähmte,
Blinde, Stumme, Taube, Wassersüchtige, Frauen mit Kinderwunsch, Gichtbrüchige,
Neurotiker sowie Psychotiker anzutreffen waren, also ähnliche Patienten
wie beim "Wunderheiler" Jesus. Im Baden-Baden der AntikeSchon aus den Überresten und Inschriften der wenigen, bislang ausgegrabenen
Asklepieia lässt sich ein lebendiges Bild des damaligen Kurbetriebes
gewinnen. Durch eine architektonische Dramaturgie wurden die Hilfesuchenden
auf das Kommende eingestimmt: Noch heute lässt sich bei einem Besuch
im 'Baden-Baden der Antike', den grosszügigen Anlagen im Asklepieion
von Kos leicht nachvollziehen, wie der Kranke im "Parterre"
der stufenartigen Anlage eintrat, sein Opfer vollzog, dann zu den Schlafsälen
auf der mittleren Plattform hinaufstieg und über sich stets Doch folgen wir unserem Kranken ein Stück weiter. Nach seiner Ankunft
unterzog er sich am Brunnen einer Reinigung, durchschritt ein Tor mit
einem Sinnspruch, sah Skulpturen mythischer Götterfiguren, von Weihe-
und Dankgaben Geheilter überquellende Tempel, und brachte das schon
erwähnte Opfer dar. Als weitere Zeichen für geglückte Heilungen
hingen zahllose Votive von Gliedmaßen, Füßen, Armen mit
Händen, Köpfe, Augen, innere Organen, Brüsten und Genitalien
an Schnüren. Sein anfänglicher Gemütszustand der Demoralisierung
(den die moderne Psychotherapieforschung als 'kleinsten gemeinsamen Nenner'
für die Klienten herausgefunden hat) , wich aufkeimender Hoffnung.
Weihreliefs zeigten ihm, wie Asklepios den Kranken berührt, ihm ein
Heiltrank gibt oder operiert. Auch über die vermutlich allenthalben
unter den Kranken kursierenden Geschichten von Traumerscheinungen und
Wunderheilungen wurde ein mentales Erwartungsmuster geschaffen, das die
vor ihm liegenden Traumerfahrungen mitbestimmte. Gegen Abend wurden die
Kranken nun in den Schlafsaal geleitet, wobei sie über die zu erwartenden
Kultur als MedizinWährend der Kranke in einem (psychiatrischen) Krankenhaus von den Angeboten der "Kultur" heutzutage vollständig abgeschnitten ist und deren Angebote wie Theater, Sport, Literatur, Konzerte, religiöse Kulte etc. auch als nebensächlich für eine Heilung gelten, hielten es die alten Griechen genau umgekehrt damit: Die Asklepieia waren erstklassige Kulturzentren mit Sporteinrichtungen, Arenen, den besten Theatern des Landes, Bädern und Tempeln. Im Stadion von Epidauros fanden (ähnlich Olympia) z.B. alle vier Jahre die 'Asklepien' statt, sportliche und musische Wettkämpfe, welche Besucher aus ganz Griechenland anlockten. Wenn seit 1954 das als 'beste Freilichtbühne der Welt' geltende Amphitheater von Epidauros jährlich aufs neue tausende von Festivalbesuchern zu den Aufführungen der antiken Dramen anzieht, so erweist sich, was den Griechen die Anlage ihrer Asklepieia wert war: der gelegentlich auch ärmliche Kranke erfuhr hier in 'konzentrierter Form' die Essenz griechischer Hochkultur als Heilmittel. 'Ganzheitlichkeit' wurde also auch als Zur-Verfügungstellen der wertvollsten Elemente einer Kulturepoche verstanden, ein in unserem steril-kalten Krankenhauswesen ganz unbekannter Wirkfaktor. Nur in manchen europäischen Kurorten aus dem 19. Jh. mit ihren Wandel- und Trinkhallen, Kurtheatern, -bibliotheken und -konzerten, gepflegten Parks und Pavillons hat sich ein Nachklang dieser Errungenschaften der Antike erhalten. Leider lässt unsere Gesundheitspolitik, welche ihre Ausgaben nun auf High-Tech-Medizin konzentriert, die von der Todesangst lebt, diese weltweit einmaligen Heilorte -trotz inzwischen nachgewiesener Effizienz- eingehen oder 'medikalisiert' den vormals auch kulturorientierten Kuraufenthalt. Umso bemerkenswerter ist es daher, dass das Asklepieion von Epidauros, welches im 4. Jhd. vor Chr. seine Blütezeit hatte, nicht wie viele andere Heiligtümer im 2. nachchristlichen Jhd. einen Niedergang erlebte, sondern sich durch neue Bauwerke und Schenkungen ausdehnte. Erst 30 Jahre nach dem Einfall der Ostgoten unter Alarich, nachdem der heilige Bezirk nochmals mit einer neuen Mauer umgeben wurde, stellte der christliche Kaiser Theodosius II den Kult im Jahr 426 ein. Die TraumheilungenGegen Ende des 4. Jh. v. Chr. wurden auf sechs Marmortafeln des Asklepieions von Epidauros von Priestern 70 Heilungsberichte aufgezeichnet, die uns detaillierte Auskunft über die Geschehnisse in den 'Traumhäusern' geben. Man hat diese "Wunderstelen" auch treffend als Werkzeuge betrachtet, um den Glauben und die Hoffnung der Klienten zu stärken. Sie haben darin eine auffallende Ähnlichkeit mit den sog. Mirakelbüchern, die den Pilgern an süddeutschen Wallfahrtsorten im 18 Jh., nach Krankheiten sachlich geordnet, zum Kauf angeboten wurden. An 25 von 280 bayrischen Wallfahrtsorten fand der Wallfahrtsforscher Kriss solche Aufzeichnungen. Vom Hl. Rasso in Grafrath sind zwischen den Jahren 1444 und 1728 n. Chr. allein 12800 solcher Berichte aufgezeichnet worden, von St.Salvator bei Betbrunn von zwischen 1573 und 1754 n. Chr. über 7900. Was den Realitätsbezug der Wunderberichte von Epidauros angeht,
so sind die Diagnosen wie stumm, blind, lahm etc. auch nach antiken Begriffen
laienhaft. Die Heilung zeichnet sich in den meisten Fällen durch
Schnelligkeit aus: Ankunft im Heiligtum, Heilschlaf (Inkubation) und Traum,
geheilt Erwachen, Abreise. Zur Einschätzung der tatsächlichen
Erfolge ist kritisch zu berücksichtigen, daß Wer waren nun die Patienten und ihre Heilträume an diesen antiken
Kurorten? Die Berichte benennen z. B. folgende Störungen: Im nächsten Fall einer Mutter, die für ihre "wassersüchtige" Tochter nach Epidauros kam, zeigt der Bericht ein ganzes Set an Phänomenen, das für Geist- und Fernheilungen typisch ist. Auf einer Stele lesen wir: "Arate von Lakedonien, Wassersucht. Für diese schlief ihre Mutter, während sie selbst in Lakedaimon war, und sieht einen Traum: sie träumte, der Gott schneide ihrer Tochter den Kopf ab und hänge den Körper auf mit dem Hals nach unten; als viel Flüssigkeit ausgeflossen, habe er den Körper abgehängt und den Kopf wieder auf den Hals aufgesetzt. Nachdem sie diesen Traum gesehen, kehrte sie nach Lakedämon zurück und trifft ihre Tochter gesund; diese hatte denselben Traum gesehen." Bei einer weiteren 'Traumoperation' läßt sich eine typische Technik der Wundererzählung, nämlich die Verschränkung von Wach- und Traumwirklichkeit als Mittel zur Erhöhung der Glaubhaftigkeit, erkennen: "Ein Mann mit einem Geschwür innerhalb des Bauches. Dieser sah im Heilraum einen Traum: es träumte ihm, der Gott befehle den Gehilfen in seinem Gefolge ihn zu ergreifen und festzuhalten, um ihm den Bauch aufzuschneiden: da sei er geflohen, sie hätten ihn ergriffen und an einen Türring gebunden. Hierauf habe Asklepios den Bauch aufgeschlitzt, das Geschwür ausgeschnitten und ihn wieder zugenäht, und er sei aus den Fesseln gelöst worden; und daraufhin kam er gesund heraus, der Fußboden im Heilraum aber war voll mit Blut". Derart hochsuggestive -eventuell auch paraphysikalische- Phänomene werden vielfach angeführt: z.B. wurde einer Frau von Gehilfen des Asklepios im Traum der Kopf abgeschnitten, den sie aber nicht wieder aufsetzen konnten: "Inzwischen bricht der Tag herein und der Priester sieht im Wachen ihren Kopf vom Leib getrennt". Oder die Geheilten treten am Morgen mit Pfeil- und Lanzenspitzen aus dem Abaton, die ihnen der Gott im Traum aus dem Körper gezogen hatte. Vor dem Hintergrund unseres heutigen Wissens erscheint auch die Art, wie die Träume therapeutisch eingesetzt wurden, äusserst bemerkenswert: weder wurde im Sinne von Freud eine Traumdeutung betrieben noch nach Jung'schen Archetypen geforscht. Der Patient sollte auch keine Klarträume erlernen (d.h. sich des Träumens bewusst werden, um sich dann z.B. furchterregenden Gestalten zu stellen) oder auch nur lernen, seine Träume zu erinnern. Wie schon erwähnt, wurde vielmehr eine klare Suggestion vorgegeben (Asklepios erscheint und heilt etc.), wobei sich die konkrete Lösung allerdings aus dem Unbewussten des Klienten entwickelte. Diese etwas 'manipulative' Verwendung der Traumfunktion erinnert ein wenig an Hypnose, dennoch bleibt eine Symbolfigur oder auch ein 'Geistführer' der eigentliche Therapeut. Eine solche Technik harrt im modernen Therapiewesen offenbar noch ihrer Wiederentdeckung. Asklepios - ex oriente lux?Im 5. Jh. v. Chr. bestanden vielfältige Kontakte hinduistischer
und buddhistischer Gelehrter ins alte Der MythosWie der Anthropologe Claude Levi-Strauss, ein Begründer des modernen Strukturalismus, in vielen Büchern darlegte, wird die Deutung von Kult- und Alltagswirklichkeit erst verständlich, wenn wir die zugrundeliegenden Schöpfungsmythen und Legenden einer Gesellschaft kennen. Wer also war Asklepios? Im Gebiet von Epidauros wurde er als Sohn des Apollo von Koronis, einer Tochter des Epidaurers Phlegyas geboren. Seine Mutter setzte ihn im Gebirge aus, wo er von einem Hirten gefunden und in Gesellschaft des Hirtenhundes aufwuchs, genährt von einer Ziege. Das 'Ausgesetztsein' und Aufwachsen bei Tieren oder Fremden verbindet Asklepios mit zahlreichen anderen Kulturheroen wie Herkules, Perseus, Jason oder Ödipus. Schon damals erschien das Verwobensein des Kleinkindes in das personale Drama einer leiblichen Mutter für die Entwicklung ethisch verantwortlicher, der Gesellschaft dienender Menschen offenbar abträglich! Ob Amme oder 'Kindermädchen': eine neutrale, aber liebevolle Person schien wichtiger als das heute von einem 'Muttermythos' noch geförderte Umklammern der Kinder. Wie aus Studien zur Persönlichkeit von Ärzten bekannt ist, scheint andererseits ein früh im Leben erfahrenes 'Liebesdefizit' Hauptantrieb zu sein, später anderen 'helfen' zu wollen. Asklepios blieb da keine Ausnahme. Nach anderer Version rettete Apollo seinen Sohn vor dem Flammentod, nachdem er durch seine Heiltätigkeit und Versuche die Sterblichkeit abzuschaffen, mit dem Totengott Hades Ärger bekam.. Der Kentaur Chiron (Mischwesen aus Pferd und Mensch) lehrte ihn, mit Hilfe von Schlangen giftige von heilsamen Kräutern zu unterscheiden.
Für Heilung war neben Asklepios in den Asklepieia ein ganzes Götterteam zuständig: die Göttinnen der Jagd (Artemis) und der Liebe (Aphrodite), der Gott des Schlafes Hypnos, Asklepios' Schwester Hgyieia, -Göttin der Gesundheit-, später auch ägyptische Gottheiten wie Isis, Ammon und Serapis. Der Kranke konnte daher für viele Aspekte seiner 'Problematik' Hilfe von den jeweiligen göttlichen Spezialisten erwarten: Die Tempel und riesigen Götterbilder erweisen, dass die Asklepieia nicht nur Krankeneinrichtungen, sonder ein religiöse Kulturzentren waren.
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